Publiziert am: 19.03.2021

«Es braucht einen Paradigmenwechsel»

MAURUS BLUMENTHAL – Der Ge­schäfts­führer des Bündner Gewerbe­verbands über den Erfolg freiwilliger Corona-Tests im Tourismuskanton. Die Vorteile der Bündner Teststrategie: Wirksamkeit, Verhältnis­mässig­keit, Freiwilligkeit – und Umsetzbarkeit.

Schweizerische Gewerbezeitung: Wie entwickeln sich die Corona-Fälle im Kanton Graubünden Mitte März?

Maurus Blumenthal: Auf tiefem Niveau stagnierend. Seit wir in Schulen und Betrieben regelmässig testen, stehen wir im Vergleich mit den anderen Kantonen besser da, trotz der vielen Testungen. Die Positivitätsrate ist sehr tief.

Wie viele Menschen lassen sich regelmässig testen?

Bereits fast ein Viertel der Einwohner lässt sich einmal pro Woche testen. Das sind über 47 000 Menschen, die sich – zur einen Hälfte in den Schulen, zur anderen in den Betrieben – regelmässig mit PCR-Speicheltests testen lassen. Bei den Schultestungen machen 105 Schulen mit knapp 20 000 Schülerinnen und Schülern samt Lehrpersonen mit. In den über 1000 teilnehmenden Betrieben sind es jeweils rund drei Viertel der Belegschaft, die mitmachen, zurzeit rund 27 000 Personen. Mitarbeitende im Homeoffice können sich nicht testen lassen. Auch deswegen fordern wir auch eine Aufhebung der Homeoffice­pflicht für Mitarbeitende, die bei den Betriebstestungen mitmachen.

Wie viele Fälle wurden so bereits entdeckt?

Seit Anfang Februar konnten in den Betrieben 120 positive Proben entdeckt werden, was einer Positivitätsrate von 0,18 Prozent entspricht.

Was müssen jene Betriebe, die mitmachen, leisten?

Die Testungen in den Betrieben werden durch den Kanton organisiert. Die Tests werden zugestellt. Die Anmeldung erfolgt online. Die Tests werden wieder abgeholt, und es gibt Sammelstellen. Der Grossteil der Logistik wird somit zur Verfügung gestellt und ist an die lokalen Gegebenheiten angepasst. Die Betriebe müssen ihre Mitarbeitenden informieren und sie davon überzeugen, mitzumachen. Die Testungen sind für Betriebe und ihre Mitarbeitenden freiwillig. Teilweise sind zu Beginn eine Unterstützung und Erklärung vonseiten der Vorgesetzten nötig.

Graubünden ist damit ein ­Pionierkanton …

Das ist so, ja. Einschränkungen, Impfungen sowie Schutzkonzepte standen bisher im Vordergrund der Pandemiepolitik. Dass Lockdowns mittel- und langfristig keine Lösung sein können, dürfte für wache Beobachter längst klar sein. Viele Menschen haben kaum mehr eine Perspektive. Ohne Perspektiven aber droht ein Teufelskreis auf persönlicher, gesellschaftlicher wie auch wirtschaftlicher Ebene.

Warum wurde die Teststrategie entwickelt?

In der aktuellen Situation ist es leider so, dass es sehr wenig gesichertes Wissen gibt. Es braucht ein System, das dennoch funktioniert. Hier setzt das risikobasierte Testen an. Dort, wo das Schadenpotenzial grösser ist, wie etwa in Spitälern und Altersheimen, wird proaktiv mehr getestet. Ebenfalls dort, wo die Eintretenswahrscheinlichkeit grösser ist, wie bei einer Zunahme der Fallzahlen in einem Betrieb oder einer Gemeinde. Damit eine laufende Übersicht gewährt werden kann, wird flächenmässig wiederkehrend getestet, aber nur so viel wie nötig. Damit werden Infektionsketten gezielt und vorausschauend unterbrochen und nicht «auf gut Glück» und meistens im Nachhinein, wie dies bisher der Fall war.

Verliert man damit nicht die Kontrolle über das Geschehen?

Wir müssen mit der Unsicherheit und dem Ungefähren leben lernen, sonst können wir diese Pandemie auf Dauer nicht bewältigen. In der aktuellen Situation die absolute Kontrolle zu haben, ist eine Illusion. Um die Teststrategie zu verstehen, muss man davon wegkommen, ­alle Infektionsketten kontrollieren zu wollen. Niemand muss hier den fehlerfreien Streber markieren und einen Swiss Finish, also die perfekte Lösung, anstreben. In der heutigen Lage können wir uns das schlicht nicht leisten. Fehler müssen erlaubt sein; eine 80-zu-20-Quote etwa bei den Schnelltests reicht völlig, es müssen nicht 100 Prozent sein. Lieber ein unperfektes System, das funktioniert, als ein perfektes System, das nicht funktioniert.

Wie viele Bewohner müssen sich testen lassen, damit ein Effekt erzielt wird?

Wenn laufend 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung auf dem ganzen Kanton verteilt getestet werden, sollten die Infektionsketten systematisch unterbrochen werden – egal, wo und wie sich die Personen anstecken. Dieser Anteil wird in Graubünden seit gut einer Woche erreicht. Die bisher mit der Bündner Teststrategie gemachten Erfahrungen zeigen, dass mit vergleichsweise wenig Aufwand eine grosse Wirkung erzielt werden kann.

Gibt es konkrete Nachweise?

Im Puschlav konnten neue Fallzahlen damit in kurzer Zeit fast vollständig eliminiert werden, und die Ausbruchstestungen in Arosa und St. Moritz haben funktioniert. Trotz Hochsaison, damit haben sich bei einer Verdopplung der Bevölkerung und einer massiven Ausweitung der Testungen die positiven Proben im Vergleich zur Schweiz unterdurchschnittlich entwickelt.

Das Testen bringt auch eine Befreiung von Quarantäne und Einreisequarantäne und ist damit wichtig für den Tourismus …

… nicht nur für die Gastronomie und die Hotellerie, auch für die Bauwirtschaft – und nicht zuletzt für jene, welche auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen sind.

Die Tests sind freiwillig. Bringt dies mehr Teilnehmende?

Dass das Mitmachen freiwillig ist, spricht für die gut durchdachte Teststrategie des Kantons Graubünden. So kann endlich die Eigenverantwortung wieder zurückkehren. Freiwillige Massnahmen sind zudem nachhaltiger, und die Massnahme ist für die Menschen über eine längere Zeit einfach im Alltag umsetzbar.

Was ist der Grund für den Erfolg in Graubünden?

Beim kantonalen Führungsstab sind keine Bürokraten am Werk, sondern Macher – das hilft. Zum Erfolg beigetragen hat sicher auch der frühe Einbezug der Wirtschaftsverbände durch den Kanton bei der Entwicklung und Umsetzung der Betriebstestungen. Dass eine solche Test­strategie nun langsam auch in der restlichen Schweiz als ernsthafte Lösung betrachtet und endlich auch umgesetzt wird, ist dem Föderalismus zu verdanken, und dem Zusammenspiel von privater und behördlicher Initiative. Innovation entsteht dort, wo Menschen eigene Wege einschlagen und diese beharrlich in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten weiterverfolgen – auch angesichts von Widerständen.

Wie lange soll das Testen dauern?

Gemäss Kanton sollen die Testungen bis Ende Sommer weiterlaufen. Diese Teststrategie kann aber – wenn nötig – noch sehr lange umgesetzt werden, falls alle anderen Stricke reissen. Dies gibt allen Beteiligten eine Perspektive und das Zepter wieder zurück in die Hand.

Interview: Gerhard Enggist

www.kgv-gr.ch

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