Publiziert am: 19.03.2021

«Es wird wenig gejammert»

PASCAL JENNY – Der Kurdirektor von Arosa rät der Tourismusbranche zu mehr Demut: «Realistische Ziele setzen und auf das schnelle Geld verzichten.» Und obwohl die Pandemie schier endlose Herausforderungen bereithält und die Stimmung im Gewerbe angespannt ist, stellt er fest:

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Schweizerische Gewerbezeitung: Arosa hat im Sommer und im Herbst Rekordzahlen gemeldet – mitten in der Krise. Was haben Sie richtig gemacht?

Pascal Jenny: Wir haben vor allem sehr schnell reagiert nach dem Lockdown. Wir haben mit neuen Produkten und offensiver Kommunikation die Annahme, dass wohl viele Schweizerinnen und Schweizer «zu Hause» Ferien machen, antizipiert. Dieser Vorsprung in der Wahrnehmung, vor allem bei den potenziellen Gästen, hat sich ausgezahlt. Wir hatten aber auch Glück, dass wir dank des Arosa Bärenlands seit dem August 2018 wohl auf der Welle von einem Sommerhype reiten. Gerade das Bärenland hat in der Pandemiezeit einen förmlichen Zuschauerboom erlebt, dies ist auf Arosa übergeschwappt.

Wie ist die Stimmung im Bündner Gewerbe derzeit?

Die Stimmung ist angespannt. Natürlich sind wir alle dankbar, dass dank der offenen Skigebiete Gäste nach Graubünden kommen. Aber die Konsumausgaben sind nicht zufriedenstellend. Kein Wunder, ist doch auch vieles – Restaurants, Läden, Detailhandel und Servicedienstleistungen etc. – immer noch starken Einschränkungen unterworfen. Ärgerlich ist für uns alle, dass die Entschädigungszahlungen nur schleppend eintreffen oder noch nicht final definiert sind. Alles in allem wird aber trotz der Herausforderungen wenig gejammert. Auch die Restaurants und das Gewerbe in Graubünden hatten grösstenteils einen hervorragenden Sommer, welcher die Wintereinbussen erträglicher macht.

Herr und Frau Schweizer haben in der Corona-Zeit ihr eigenes Land entdeckt. Wie nachhaltig wird dieser Effekt sein?

Sehr nachhaltig. Zum einen haben Herr und Frau Schweizer gemerkt, wie schön, wie freundlich und wie innovativ die Ferienanbieter und -gastgeber im eigenen Land sind. Zum anderen ist das Bewusstsein für das Lokale gewachsen. Und zum Dritten schätzen wir Sauberkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit der Schweiz jetzt und in Zukunft noch viel mehr. Selten habe ich in meinen knapp 14 Jahren als Kurdirektor in Arosa so viele Komplimente für unsere Leistungsträger und ihre Angebote erhalten wie im letzten Jahr. Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist die Schweiz nicht nur die beste Heimat, sondern auch das beste Ferienland der Welt!

Auf der anderen Seite fehlten die ausländischen Gäste. Werden diese wieder im gleichen Ausmass wie vor der Krise die Schweiz bereisen?

Nein. Ich glaube nicht, dass man «nach Corona» wieder so viel, so kurzfristig und auch so sorglos und teilweise arrogant reisen wird. Eine Auslandsreise wird wieder mehr Wert und Sinn erhalten. Wenn ich weit weg fliege, dann bewusster. Künftig bleibe ich länger, tauche mehr in das Regionale und Lokale ein. Ein-Tages-Ausflugstourismus wird nicht mehr dieselbe Bedeutung haben. Hier werden auch einige Schweizer Anbieter ihre Geschäftsmodelle anpassen müssen. Gerade Touristen aus China, Indien etc. werden in veränderter Form in die Schweiz kommen. Persönlich begrüsse ich das. Es war zu viel, und eben im Sinne von wenig nachhaltig auch zu «nonchalant», wie wir teilweise gereist sind.

Es ist noch nicht so lange her, da hat man sich auch in der Schweiz über «Overtourism» beklagt. Jetzt kämpft die Tourismusbranche ums Überleben, um Arbeitsplätze und Existenzen. Kann aus dieser Krise heraus ein Mittelweg ent­stehen und wie müsste dieser aussehen?

Diese Mär vom Overtourismus habe ich schon vor Corona für falsch empfunden. Auch zum Beispiel in Luzern oder Interlaken war es kein Overtourismus. Die Anbieter haben die Angebote zu wenig nachhaltig, zu wenig auf Kooperationen und Tiefe ausgestaltet. Darum hat man es als «Schnell-schnell-Overtourismus» abgetan. Wir waren selbst schuld an diesen Stimmen.

Aber zum aktuellen Inhalt Ihrer Frage: Als Ganzes betrachtet haben wir in der Schweiz auch vor Corona einen guten Mittelweg gefunden. Wir in Arosa haben zum Beispiel immer gesagt, wir möchten 1 Million Logiernächte pro Jahr erreichen. Mehr wollen wir nicht. Auch wenn wir mehr verdienen können. Persönlich würde ich es begrüssen, wenn alle Regionen sich solche Ziele setzen. Es geht nicht um immer mehr, sondern um eine nachhaltig gute Auslastung mit einer möglichst langen Aufenthaltsdauer und viel Tiefe im Ferienerlebnis vor Ort. Dafür ist Corona eine Chance. Realistische Ziele setzen und auf das schnelle Geld verzichten wäre mein Tipp an ein paar Branchenkollegen.

Die Städte hat es am härtesten getroffen. In Bern sind die Logiernächte auf den Wert von 1943 zurückgegangen – das war die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Kann sich eine Branche von solch einem Schock überhaupt erholen?

Wenn ich an die Städte denke, dann krieg ich im negativen Sinn Hühnerhaut. Die Pandemie ist brutal für die Städte, und man kann sich aktuell praktisch nicht selbst aus dem Sumpf ziehen. Ich staune – und bin beruhigt –, dass es noch keine umfassende Konkurswelle gegeben hat. Erfreulich ist, dass doch einige Städte-Anbieter neue Konzepte ausarbeiten, dennoch investieren und flexibel unterwegs sind. Damit man sich von dem Schock erholen kann, muss zwingend im Sommer ein Teil auch vom Auslandsgeschäft zurückkommen. Zudem sollten wir viel mehr Angebotskooperationen zwischen Stadt und Land ausarbeiten. Ironie dieser Erkenntnis; vor 3 Jahren habe ich einer grossen Schweizer Stadt eine solche Kooperation und Angebote vorgeschlagen. Dies natürlich als damals «kleiner und schwacher» Sommerbergort. Eine Antwort habe ich damals nicht gekriegt …

Trotz einzelner Erfolgsmeldungen leidet auch Arosa. Beispielsweise durch die Ausfälle der Skilager. Doch die Rückkehr zur Norma­lität dauert an. Wie lange kann Ihre Destination in der heutigen Form auf diese Normalität warten?

Man muss zwischen den Angebotsformen unterscheiden. Ferienwohnungen, Bergbahnen und grösstenteils Hotellerie können wohl mit den aktuellen tieferen Gästezahlen genauso wie das Baugewerbe und Baunebengewerbe auch mittelfristig umgehen. Restaurants, Bars, Discos und auch Gruppenanbietern oder Hotels mit mehrheitlich Klientel aus dem Ausland wird schon in den nächsten Monaten der Atem ausgehen, wenn die Reisebewegungen nicht wieder zunehmen. Wenn ich in die Glaskugel schauen müsste, dann brauchen Bergregionen ab dem Winter 21/22 wieder Normalität, sonst wird es für viele ohne massive staatliche Finanzhilfen nicht mehr weitergehen.

Welches sind die wichtigsten Faktoren, die die Branche selber beeinflussen kann, um die nächsten Jahre wieder erfolgreich zu gestalten?

Während der Pandemie können wir mit drei Themen viel erreichen. Dies sind Kommunikation, Angebotsgestaltung und Verkaufsaktivitäten im eigenen Land. Wer diese Themen gut bespielt, hat auch in der Krise Chancen auf Teilerfolge. Wir in Arosa setzen den ganzen Fokus darauf. Zudem können wir mit den oben beschriebenen «tiefergehenden» Ferienangeboten in den nächsten Jahren punkten. Dazu braucht es Visionen und Strategien. Wir in Arosa nennen diesen Teil «Arosa 2030». In diesem Strategieprozess widmen wir uns Angeboten, welche die Gäste mehr an die Ferienregion binden und Teil davon werden lassen. Dies mit Facetten im Bereich von Ökologie, Ökonomie und sozialen Faktoren.

Es findet ein Ansturm auf Ferienwohnungen statt, weil sich die Menschen ihren Platz in den Feriendestinationen um jeden Preis sichern wollen. Auch Camping boomt. Ist das nun ein gutes Zeichen für die entsprechenden Tourismusgebiete oder doch ein schlechtes Zeichen gerade aus Sicht der Hoteliers?

Das ist ein gutes Zeichen. Gerade im Camping und Ferienwohnungsbereich stehen in den nächsten Jahren an vielen Orten Investitionen an. Mit diesen Zusatzeinnahmen respektive gesteigertem wirtschaftlichen Erfolg werden diese möglich. Das ist erfreulich für die Tourismusregionen. Meine Erfahrung ist, dass die Berghotels, welche die Hausaufgaben gemacht haben und mit den Themen Hygiene, Abstand und neuen Kontaktanforderungen auch weiterhin machen werden, nach wie vor erfolgreich sind. Wir in Arosa haben Hotels, welche selbst im aktuellen Winter mit all den Einschränkungen zulegen konnten. Eben weil sie den Gästen diese Sicherheit gepaart mit einer Prise Freiheit vermitteln.

Was kann das lokale Gewerbe von dieser Stärkung der Para­hotellerie erwarten?

Der Gastronomie bieten sich grosse Chancen. Die Take-away- und Lieferdienst-Erfahrungen sollten in Zukunft zu intensiveren Kooperationen mit den Ferienwohnungen führen. Das ist quasi ein neues Geschäftsfeld. Für das lokale Gewerbe im Sinne von Läden und Detailhandel braucht es aber primär eine gewisse Anzahl an Gästen und Frequenzen. Ansonsten fehlt der Umsatz. Auch hier ist man gut beraten, mit den Ferienwohnungsvermietern (genauso wie man das seit Jahren ausgezeichnet mit den Zweitheimischen macht) vermehrt zu kommuni­zieren.

Ökologische Aspekte gewinnen an Bedeutung, den Menschen soll die «echte Natur» gezeigt werden, damit sie diese zu schätzen und zu schützen wissen. Ist es nicht ein Widerspruch, wenn wir die Menschen in Massen in abgelegene Gebiete und Bergregionen locken wollen?

Diese ökologischen Aspekte werden wichtiger. Der abgedroschene Begriff der Nachhaltigkeit wird an vielen Orten endlich mit Inhalt gefüllt und beginnt, Gutes zu bewirken. Es ist nur dann ein Widerspruch, wenn man sein Angebot auf die Masse ausrichtet. Auch hier möchte ich das Arosa Bärenland nennen. Wir erleben einen Zuschauerrekord am anderen. Aber noch nie hat jemand von zu vielen Gästen oder Massenauflauf gesprochen. Eben weil wir das Erlebnisangebot so gestalten, dass es nicht zu Menschenansammlungen kommt. Das könnten andere auch. Es ist natürlich personalintensiv. Aber in Zukunft genau deshalb auch erfolgreich. Auch digitale Systeme kann man in Zukunft dafür nutzen, um das «Massengefühl» zu verhindern.

In der Terrassenthematik hat sich Arosa erfinderisch gezeigt und eine Schneeterrasse gebaut. Ganz ehrlich: Fühlen Sie sich in Arosa oben manchmal etwas weit weg von Bundesbern?

Durch meine Vergangenheit habe ich einen guten Draht zu gewissen Exponenten in Bundesbern. Wir als Arosa an Talendlage, hinter 360 Kurven, mussten immer schon anders, schneller, flexibler und kreativer sein. Ansonsten hätten wir keine Chance auf touristischen Erfolg. Darum denken wir stark in Lösungen. Und wenn es dann Entscheide gibt, welche wir als wenig lösungsorientiert ansehen, dann kann es schon mal sein, dass wir uns in ein Gefühl von «weit weg von den Entscheidern in Bern» begeben und eben unsere eigenen Wege suchen. Wir nennen diese dann spassig Arosa-Kreation als Gallier der Alpen. Meist frage ich aber bei meinen «Freunden» in Bern nach, wie weit wir denn auch gehen dürfen. Wir wollen es nie übertreiben und immer auch aufzeigen, dass wir Lösungsansätze für andere bieten möchten mit unseren Aktionen.

Was hat der Schweizer Tourismus aus der Krise gelernt, das für die Zukunft von Bedeutung sein wird?

Diese Frage stelle ich mir auch. Bis jetzt sehe ich kein gemeinsames Learning. Wir reden zwar mehr zusammen als vor der Pandemie. Wir unterstützen uns mit Informationen und den Erkenntnissen aus Vorfällen rund um Corona wie Massentests, Schutzkonzepte etc. Aber im Bereich der Learnings für die Zukunft gibt es für meine Begriffe viel spannende Einzelinitiativen, aber noch keine gemeinsamen Top 10 für die Learnings mit Zukunftswirkung. Vielleicht ist das jetzt aber auch noch zu früh und zu viel verlangt. Wir befinden uns leider immer noch mitten im Krisenmodus und in der Pandemie mit all ihren Einschränkungen.

Interview:

Adrian Uhlmann

www.arosalenzerheide.swiss

ZUR PERSON

Pascal Jenny (46) ist seit 2008 Kurdirektor von Arosa (GR). Diese Funktion wird er Ende April 2021 abgeben und anschliessend als Präsident für Arosa Tourismus fungieren. Jenny, ehemaliger Captain der Schweizer Handball-Nationalmannschaft, gilt als Visionär und wurde 2016 in der Kategorie Innovation mit dem Schweizer Tourismuspreis Milestone ausgezeichnet. Als eine seiner grössten Errungenschaften gilt das bei Besuchern beliebte Arosa Bärenland.

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