Publiziert am: 17.05.2019

Die Meinung

Grosse, Kleine – und die Einheit der Wirtschaft

Kleine und mittlere Unternehmen nehmen ihre staatspolitische Verantwortung wahr. Aktuell treten sie etwa für die AHV- und Steuervorlage ein. Sie bemühen sich um das bilaterale Verhältnis zur Europäischen Union. Sie kämpfen sogar für Anliegen der Konzerne. Da darf man schon fragen: Was tun eigentlich die Grossunternehmen für die KMU?

Die ernüchternde Antwort: In der Politik stellen sich vermehrt viele und aus purem Opportunismus gegen die KMU. Ein Beispiel ist das Ampelsystem bei den Lebensmitteln (vgl. Seite 7). Über Jahre haben sich KMU gegen diese zusätzliche Regulierung gewehrt. Sie verursacht Kosten, die nicht durch Mehrumsatz kompensiert werden können. Doch kaum ist es politisch gelungen, diese Regulierung abzuwehren... fangen einige Grossunternehmen damit an, die Ampel aus eigenen Stücken einzuführen.

Noch brisanter ist das Verhalten vieler Grosser, und insbesondere ihrer Verbände, im Zusammenhang mit der Aktienrechtsrevision. Vereinfachungen für Grosse, beispielsweise Aktien in Fremdwährungen und ohne fixe Werte herauszugeben, sollen mit Zusatzregulierungen für die Kleinen kompensiert werden. So sollen etwa KMU-Verwaltungsräte persönlich die Liquidität des Unternehmens garantieren. Und Vorschriften der «Minder»-Initiative gegen die Abzockerei sollen auf KMU ausgedehnt werden.

Das gleiche Bild bei den Inhaberaktien: Der Bundesrat möchte diese Unternehmensform verbieten. Wer Inhaberaktiengesellschaften nicht umwandelt, soll sogar enteignet werden. Betroffen sind etwa 50 000 KMU. Und was tun die Grossunternehmen? Ihre wichtigsten Verbände unterstützen den Bundesrat. Sie behaupten, es gebe internationale Verträge, die das so vorsehen würden. Die Wahrheit ist eine ganz andere: Es gibt weder Verträge noch Standards, welche die Abschaffung der Inhaberaktiengesellschaft verlangen – es gibt nicht einmal diesbezügliche Empfehlungen.

Natürlich stellen sich nicht alle Grossunternehmen gegen die KMU. Doch kaum eines getraut sich, für die KMU einzutreten. Verbände der Grossunternehmen unterstützen meistens die KMU-feindliche Linie und lobbyieren immer mal wieder gegen die Interessen der Kleinen.

Selbstverständlich kann niemand von den Grossunternehmen verlangen, dass sie vorbehaltlos die Interessen der KMU unterstützen. Dennoch verlangen die Grossen von den KMU immer wieder Solidarität. Unablässig wird die Einheit der Wirtschaft beschworen. Wenn aber die KMU auf Gegenseitigkeit pochen… werden sie immer häufiger im Stich gelassen.

Das fällt auch mancher KMU-Unternehmerin, manchem KMU-Chef auf. Vor diesem Hintergrund darf es nicht überraschen, wenn radikale Anliegen wie die Konzernverantwortungsinitiative zunehmend auf Sympathien stossen. Nicht nur Linke, sondern auch Bürgerliche sehen es nicht gerne, wenn Aktienkurse fallen und Managergehälter in die Höhe schiessen, Produktionsstandorte ausgelagert werden und Konzernzentralen dabei jubeln – und schon gar nicht, wenn KMU aus Opportunismus geopfert werden.

Die Einheit der Wirtschaft hat die Schweiz stark gemacht. Grossunternehmen sind gut beraten, sich vermehrt solidarisch mit den KMU zu verhalten. Oder wie Johannes Calvin schon vor circa 500 Jahren den Grossunternehmen seiner Zeit sagte: «Du darfst kein riesiges Maul sein, das alles gierig in sich hineinschlingt.»

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