Publiziert am: 20.10.2017

Kalter Kaffee wird neu aufgetischt

ERNÄHRUNGSSTRATEGIE — Totgesagte leben länger: Das vor fünf Jahren abgelehnte Bundesgesetz über Prävention und Gesundheitsförderung taucht heute – unter der neuen Bezeichnung «Schweizer Ernährungsstrategie» – wieder auf. Als erneutes Ärgernis.

Laut der Ernährungserhebung menuCH, die die Grundlagen zur Ausarbeitung der Schweizer Ernährungsstrategie 2017–2024 geliefert hat, sind die Mahlzeiten der Schweizer zu wenig ausgewogen: zu viel Fleisch, zu viele kalorienreiche Produkte und zu wenig Milchprodukte. Die Ernährungsstrategie will die Ernährungs­ge­wohnheiten in unserem Land «verbessern».

2012 ist lange her

Als ob der Kreuzzug gegen den Zucker nicht genug wäre, zeigt die «Erklärung von Mailand» weiterhin ihre Wirkung auf die Schweizer Ernährungsstrategie. Diese befasst sich in willkürlicher Weise mit Lebensmitteln und verteufelt manche davon regelrecht. Erinnern wir uns an die im September 2012 verspürte Erleichterung, als der Ständerat das Bundesgesetz über Prävention und Gesundheitsförderung definitiv scheitern liess. Damit hat die kleine Kammer eingeräumt, dass bereits eine ausreichende Rechtsgrundlage für eine vernünftige und angemessene Präven­tions­­politik besteht. Aus heutiger Sicht scheint dieser «Sieg der Vernunft» sehr weit weg – und man muss sich fragen, ob die Entscheidungen des Parlaments noch Gültigkeit haben. Schon damals war zu spüren, dass die Freude nicht lange währen würde. Und siehe: Die Präventionsgurus sind noch immer zur Stelle, getrieben vom Wunsch, etwas zum Wohl der Menschheit zu tun – genauso als ob sich niemand sonst darum kümmern würde...

Eigenverantwortung statt Staat

Die Hatz hat schon begonnen. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat bekanntgegeben, dass jeder Schweizer zwischen zwei bis vier Mal zu viel Fleisch konsumiere. Auch unser Verzehr von Süssigkeiten, salzigen Snacks und Fetten wie Butter, Rahm oder Saucen sei zu hoch. Um dem abzuhelfen, hat das BLV eine Strategie entwickelt, welche von einem neuen Aktionsplan zur Stärkung der Präventionsmassnahmen begleitet wird.

Der Bund will uns also – einmal mehr – bei der Verbesserung unserer Ernährungs­gewohnheiten helfen. Das ist in Ordnung. Wäre es dann aber nicht besser, die Eigenverantwortung der Konsumenten zu erhöhen, statt bestimmte Produkte zu stigmatisieren? Immerhin hat der vom gfs.bern durchgeführte Monitor «Ernährung und Bewegung» klar und deutlich aufgezeigt, dass beispielsweise bei der Bekämpfung von Übergewicht die Eigenverantwortung klar allen staatlichen Massnahmen vorgezogen wird. Die Schweizer Bürgerinnen und Bürger trauen sich zu, eigenständige Konsumentscheide treffen zu können. Warum soll diese von gutem Willen getragene Arbeit zunichte gemacht werden?

Bevormundung endlich beenden

Der Bund versucht hier einmal mehr, uns zu entmutigen, sich in die Arbeit der Produzenten einzumischen und ihnen unnötige und wirtschaftlich schädliche Hindernisse in den Weg zu legen. Nachdem die Gesundheitsapostel mit dem Präventionsgesetz gescheitert sind, versuchen sie nun, mit Ersatzmassnahmen das Heft wieder in die Hand zu nehmen.

«ERWACHSENE BEVORMUNDEN: DAMIT MUSS NUN ENDLICH SCHLUSS SEIN!»

Es trifft zu, dass Essen in zu grossen Mengen der Gesundheit schadet. Aber jeder von uns kann seinen Konsum am besten steuern. Wie oft muss dies noch wiederholt werden? Es muss endlich Schluss damit sein, erwachsene Menschen zu bevor­munden, indem unnötige und überfürsorgliche Vorschriften ausgeheckt werden. Der Konsument muss nicht vor sich selbst geschützt werden. Glücklicherweise erweist er sich als frei, erwachsen und verantwortungsbewusst.

Hélène Noirjean, Ressortleiterin sgv