Publiziert am: Freitag, 2. Oktober 2015

Loslassen wie die Profis

Falscher Stolz oder fehlende Weitsicht: Eine versäumte Nachfolgeregelung kann für die Firma das Aus bedeuten. Viele Patrons tun sich schwer. Es geht aber auch anders.

Heuchelei mag Heinz Fanderl nicht. Lieber wählt er klare Worte. «Ich habe diesen Betrieb so aufgebaut, dass irgendwann auch ein Verkauf möglich ist.» Der heute 61-Jährige ist Unternehmer und Inhaber der Fand AG in Winterthur, die er 1982 mit seiner Frau Agi Fanderl gegründet hat. Von zuerst 4 auf rund 30 Mitarbeitende ist das KMU bis heute gewachsen.

Die Atmosphäre im Betrieb ist aufgeräumt, irgendwie stressfrei. Heinz Fanderl sprüht vor Vitalität, wirkt voller Tatendrang. Angehende Rentner sehen anders aus. Trotzdem will er kürzertreten. Bei einem lukrativen Angebot würde er die Firma veräussern. «Daraus mache ich kein Geheimnis.»

Vertragliche Sicherheiten

Am anderen Ende des Tisches im hellen Sitzungszimmer kommt nach dieser Aussage keine Nervosität auf. Dort sitzt Heinz Baumgartner, der im Januar 2014 die Geschäftsleitung und damit operative Nachfolge von Heinz Fanderl angetreten hat. Der 44-jährige Baumgartner stiess bereits 1993 als Techniker zum Betrieb und kennt ihn in- und auswendig. An den Tag seines Vorstellungsgesprächs erinnert er sich genau. «Ich unterschrieb und erschien danach zu spät zur Blasmusikprobe. Meine Kollegen blickten mich an und fragten, weshalb ich wie ein Maikäfer strahle.» Heinz Baumgartners Augen leuchten, wenn er die Geschichte erzählt. Aktien vom Unternehmen besitzt er praktisch keine. Kaufen könnte er die Fand AG auch als CEO zum heutigen Zeitpunkt nicht. Das heisst aber auch, dass er sich bei einem Verkauf allenfalls ganz neu orientieren müsste. «Das ist aber ein kalkulierbares Risiko», beruhigt er. «Wir haben für diesen Fall Sicherheiten in den Arbeitsvertrag eingebaut», bestätigt der Patron. Es herrsche volle Transparenz.

Als er Baumgartner vor fünf Jahren beim Pizzaessen erstmals mit der Anfrage betreffend Geschäftsleitung konfrontiert habe, sei auch der mögliche Verkauf von Anfang an thematisiert worden. Aber da hebt Heinz Fanderl warnend den Finger und betont, was ihm ganz wichtig ist: «Dieses Schiff müsste auch unter einem neuen Besitzer professionell gesteuert werden.» Und ein potenzieller Käufer könne es sich in den ersten Jahren sowieso kaum leisten, auf die immense Erfahrung des CEO zu verzichten. Heinz Baumgartner bestätigt, dass er gut abschätzen könne, worauf er sich eingelassen habe, und dass er sich absolut nicht fühle, als säs­se er auf einem Schleudersitz.

Seit Heinz Baumgartner bei der Fand AG die operativen Fäden zieht, kann Heinz Fanderl emotional zurücklehnen. Als Verwaltungsratspräsident ist er zwar noch die oberste Instanz für Strategiefragen. Aus der operativen Geschäftsleitung hat sich der Firmengründer aber zurückgezogen und nimmt an Kadersitzungen nicht mehr teil. Ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung für den Nachfolger, dem er sein volles Vertrauen schenkt. «Ich fühle mich wohl in meiner neuen Rolle als Seniorberater.»

Dass die Nachfolge bei der Fand AG so reibungslos verlief, ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer sorgfältigen Planung. Schon als Mittfünfziger hatte Heinz Fanderl das Thema in Angriff genommen und den Nachfolger sorgfältig aufgebaut. Dies auch im Bewusstsein, dass man wertvollen Mitarbeitenden neue Perspektiven bieten muss. Heinz Baumgartner hatte sich während seiner Zeit beim Unternehmen stets weitergebildet. «Hätte ich den richtigen Moment verpasst, wäre er wohl irgendwann nicht mehr zu halten gewesen», weiss der Firmenbesitzer. Der frühzeitige und bis heute andauernde Zuzug einer externen Begleitung hat die Kommunikation zwischen dem Inhaber und seinem neuen CEO enorm erleichtert. Anfängliche Missverständnisse konnten rasch ausgeräumt werden.

Jeder Zwölfte bleibt allein

Timing und Antizipationsfähigkeit sind für jeden Unternehmer gefragt, speziell in der Nachfolgeplanung. Sie ist Dauerthema, wie eine KMU-Umfrage der Credit Suisse und der Universität St. Gallen (HSG) aus dem Jahr 2013 nachweist. 22 Prozent der befragten Unternehmer (1 bis 250 Mitarbeitende) bestätigten, dass sie innerhalb eines Fünfjahreshorizonts eine Nachfolgeplanung mit gesamter Eigentumsübertragung anstrebten. Hochgerechnet entspricht dies 71 000 Firmen mit knapp 470 000 Arbeitsplätzen. Dazu kommen weitere rund 10 000 KMU mit rund 70 000 Stellen, die bis 2018 eine Nachfolge mit Führungsübergabe analog zur Fand AG über die Bühne bringen wollen.

Für über eine halbe Million Arbeitnehmer in der Schweiz hängt die Beständigkeit ihres Erwerbs also direkt mit der Fähigkeit ihrer Chefs zusammen, ihren eigenen Abgang seriös und sauber zu planen. Viele tun sich schwer damit. Der Wirtschaftsinformationsdienst Bisnode D&B belegt in seiner aktuellen «Nachfolge-Studie KMU Schweiz», dass zurzeit rund 55 000 Firmen ein akutes Nachfolgeproblem haben. Sei es ein Mangel an Kandidaten oder die Planlosigkeit der Inhaber. Am stärksten betroffen sind Einzelfirmen, gefolgt von Aktiengesellschaften.

Speziell bei Mikrounternehmen mit bis zu 20 Mitarbeitenden ist die Misserfolgsquote im Nachfolgeprozess relativ hoch. Gemäss CS-Studie werden im Durchschnitt acht Prozent oder jeder zwölfte dieser Betriebe wegen fehlender Nachfolge liquidiert. Leichte Verschiebungen gibt es auch betreffend Art der Nachfolge. Bei den kleinen KMU bis maximal 50 Mitarbeitende liegt der Anteil der familieninternen Übergaben noch bei rund 45 Prozent. In den Neunzigerjahren waren es fast 70 Prozent. Am stärksten zugelegt haben unternehmensexterne Übergaben (Management-Buy-in) mit 29 Prozent der Fälle. Dies zulasten der Übergabe an Mitarbeitende (Management-Buy-out) mit rund 26 Prozent.

Wie die Fand AG beweist, ist weniger das Modell als vielmehr die weitsichtige und professionelle Vorgehensweise des Unternehmers entscheidend für das Gelingen einer Nachfolge. Dem Innovationsgeist und Einfallsreichtum sind dabei keine Grenzen gesetzt. Dies belegt das Beispiel der Rolf Meier Reisen AG in Neuhausen (SH).

Aktienübertragung 
mit Elfjahresplan

Der langjährige Alleininhaber und CEO Thomas Bolliger trat im Jahr 2007 je 
10 Prozent der Aktien an seine zwei Mitarbeitenden und designierten Nachfolger Walter Fink und Christian Sigg sowie den externen Treuhänder Daniel Rieser ab. Per Ende 2012 erhöhten Fink und Sigg ihre Anteile auf je 19 Prozent und werden diese im November 2018 auf 30 Prozent aufstocken. Gemeinsam werden sie dann die Mehrheit des Geschäfts übernehmen. Der heute 61-jährige Bolliger wird ab diesem Zeitpunkt nicht mehr operativ tätig sein, jedoch weiterhin 30 Prozent der Aktien besitzen.

Für den alten und die neuen Eigentümer ist der Elfjahresplan eine optimale Lösung. «Meine Nachfolger können den Betrieb zu fairen Bedingungen übernehmen», sagt Thomas Bolliger. Er habe seinen beiden treuen Angestellten eine langfristige Perspektive geboten und gleichzeitig selbst davon profitiert, die Verantwortung auf drei Schultern verteilen zu können. Auch die angehenden Mehrheitsaktionäre des Reisebüros sind vom Modell begeistert. «Ich empfinde es als Chance und Privileg, einen Betrieb übernehmen zu dürfen, den ich in den vergangenen Jahren sehr gut kennen und schätzen gelernt habe», so Walter Fink. Als Chef Tour Operating ist er für die Gestaltung des Kernprodukts, spezialisierte Reisen auf die Kanalinseln, nach Irland, Malta und Zypern, verantwortlich. Sein Partner Christian Sigg leitet den Verkauf. «Wir kennen uns schon lange und ergänzen uns bestens», so die Überzeugung Finks.

Der noch amtierende Inhaber Thomas Bolliger zweifelt keine Sekunde daran. «Mir war es auch deshalb sehr wichtig, eine interne Lösung mit vertrauten Köpfen zu finden.» Diese Haltung verbindet ihn mit Heinz Fanderl. Einen wesentlichen Unterschied gibt es aber zwischen den beiden. Der Verkauf des Unternehmens an einen gros­-
sen Reisekonzern wäre für Thomas Bolliger nur dann eine Option gewesen, «wenn es gar nicht anders gegangen wäre».