Publiziert am: Freitag, 7. Oktober 2016

«Rechnen mit einem Wachstum»

INTERVIEW – Sibille Duss, Ökonomin, UBS Chief Investment Office WM.

Schweizerische Gewerbezeitung: Der Brexit hatte anscheinend keine Auswirkungen auf die Schweiz. Trügt dieser Eindruck?

Sibille Duss: Wirtschaftlich gesehen dürfte der Brexit in der Tat kurzfristig nur wenig Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft haben. Je nach den zukünftigen Beziehungen der EU zu Grossbritannien könnte aber der Austritt Grossbritanniens durchaus negative Folgen haben, sei es durch eine höhere Verunsicherung bei den Unternehmen und dadurch sinkenden Investitionen. Durch den Brexit dürfte die fristgerechte Umsetzung des neuen Einwanderungsregimes nach der Masseneinwanderungsinitiative nicht mehr möglich sein, was die Unsicherheit der Unternehmen ebenfalls erhöht hat. Wir haben nach dem Brexit die Schweizer Wirtschaftsprognosen für 2016 von einem Prozent auf 0,9 Prozent leicht nach unten angepasst. Auch für 2017 sind wir mit 1,3 Prozent leicht pessimistischer geworden, da sich die Wachstumsaussichten in der Eurozone etwas eingetrübt haben und dadurch die Schweizer Exportwirtschaft leiden dürfte.

Wie wird sich die Konjunktur in der Eurozone weiterentwickeln?

Trotz der Wachstumssorgen erwarten wir, dass sich die Wirtschaft der Eurozone behauptet, da sie durch die Fiskalpolitik und starke geldpolitische Impulse unterstützt wird. Dies sollte die negativen Auswirkungen des britischen Referendums in den kommenden Quartalen abfangen. Die Europäische Zentralbank behält die Auswirkungen des britischen Referendums auf die Wirtschaft und die Inflation im Auge und ist gegebenenfalls bereit, mit weiteren Lockerungsmassnahmen einzugreifen.

Auch global sind die Zeichen unterschiedlich: Gute Nachrichten aus den USA stehen eher schlechten News aus China entgegen. Wie sehen die globalen Wirtschaftsaussichten aus?

Wir rechnen weiterhin mit einem soliden globalen Wachstum in diesem Jahr. Die meisten Industriestaaten sollten gut vorankommen, während sich die Schwellenländer auf mässigen Niveaus im Vergleich zu ihren historischen Wachstumsraten stabilisieren dürften. Das Wachstum in den Schwellenländern dürfte sich jedoch erst 2017 beschleunigen. Für die USA erwarten wir ein moderates Wachstum im laufenden und im kommenden Jahr. In der Eurozone dürften die negativen Auswirkungen des britischen Referendums durch die soliden Fundamentaldaten der Binnenwirtschaft begrenzt bleiben. Unter den Schwellenländern ist 
Asien trotz des nachlassenden chinesischen Wachstums immer noch die stärkste Region. Die Regionen EMEA und Lateinamerika hinken aufgrund der Schwäche in Russland und Brasilien hinterher, sollten sich aber im nächsten Jahr erholen. Insgesamt rechnen wir im laufenden Jahr mit einem globalen Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent. Bereits für das nächste Jahr gehen wir aber von einer leichten Beschleunigung und einem Wirtschaftswachstum von 3,3 Prozent aus.

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