Publiziert am: Freitag, 11. August 2017

Rückgrat der Gesellschaft – oft krumm

Tribüne

Die Schweiz der Konzernchefs und ihrer engsten Führungskräfte ist nicht diejenige der Gewerbeunternehmer. Wer einen Finanz- oder Industriekonzern führen darf, sieht meist nur seine zwei bis drei Dutzend obersten Mitarbeiter. Goodwillbesuche beim Personal dienen dazu, sie zu noch mehr Arbeit zu ermuntern, begleitet von dem Satz: «Auch ich bin 100 Stunden in der Woche unterwegs.»

Ein KMU- oder Gewerbechef ist immer an der Front, an der inneren wie der äusseren. Er schläft ein mit dem Gedanken, ob er das Risiko eingehen soll, ausserhalb der Schweiz zu produzieren, und wacht auf mit dem Gedanken: «Habe ich heute alles unter Kontrolle?» Ihm stellt sich die Frage, ob er sich zwei neue Mitarbeiter für den Aussendienst leisten kann. Dann müssen die 30jährigen Maschinen noch zwei Jahre mehr machen.

Ein Konzernchef hat einen Generalsekretär, der auch dem Verwaltungsrat zudient, und einen personalstarken Stab, der ihm jeden Wunsch von den Augen abliest. Seine Chefsekretärin, manchmal auch Direktorin genannt, hält ihm alles und alle vom Leib, die unangenehme Botschaften überbringen wollen. Im Haus weiss man ohnehin, was der Chef hören will und was nicht.

Der Gewerbler ist immer erreichbar und hat ein schlechtes Gewissen, ist dies einmal nicht der Fall. Erst dann, wenn Sohn oder Tochter im Geschäft sind, gönnt er sich einmal eine Siesta.

Wer hat eine bessere Zukunft von den beiden? Sergio Ermotti, Prototyp eines Konzernchefs, sieht als CEO des UBS-Konzerns immer wie ein Model aus. Seine PR-Abteilung, wie die einer wachsenden Zahl anderer Schweizer Konzerne, gibt nur solche Fotos an die Öffentlichkeit, die sein perfektes Aussehen bestätigen. Wo er mit Tessiner Charme radebrecht, tut dies Peter Brabeck-Letmathé, der VR-Präsident von Nestlé, nach österreichischer Art. Stets braun gebrannt, gibt er den Bergsteiger-Manager. Dieser Stil ist im In- und Ausland beliebt. Heinz Karrer, der Präsident der économiesuisse, ist zwar kein Konzernchef mehr, will aber seinen Ex-Kollegen an Eleganz und Kraft nicht nachstehen.

Und der Gewerbler? Natürlich gibt es auch dort viele gut aussehende Männer wie Frauen. Die Mehrzahl von ihnen hat aber, im Unterschied zum muskulös-eleganten Auftritt der Wirtschafts-Stars, eine meist schwere Aura. Woran liegt das? Es ist die Belastung. Nicht nur die Belastung im Unternehmen, die unsicheren Aussichten wegen der billigeren Konkurrenz aus dem Ausland oder die Wechselkurs-Schwierigkeiten. Vielmehr ist das eigene Vermögen in Gefahr, weil die Banken seit Jahren keinen Zins mehr zahlen. Wackelt schon die erste Säule, die AHV, dann sinkt jetzt auch die zweite Säule, die Zahlungen der Pensionskassen, in dramatische Tiefen. Und die dritte Säule? Viele Gewerbler sehen sich gezwungen, ihre Firma den Kindern zu verkaufen, damit sie auf das Lebensende hin endlich genügend Bargeld haben. Die Immobilienpreise, sollte es zum Verkauf kommen, sind in der Provinz, jenseits der grossen Städte und ihrer Agglomerationen, auch immer weniger stabil. Wer denkt da an den Golfplatz, wo man jene Spitzen­kader sieht, die auch in den Medien allseits präsent sind?

Der Gewerbler leidet darunter, dass Post und SBB immer teurer, seltener und unpünktlicher werden. Der Spitzenmanager, mit Chauffeur ausgestattet (schon wegen der vielen Verkehrsbussen), liest derlei nur aus der Zeitung oder hört davon zuhause. Einkaufen geht er eher nicht, denn dort muss man jetzt selber Kassier spielen, was nicht jedem gefällt.

Auch die Präsenz von Migranten beschäftigt ihn wenig, denn diese dringen nicht in seine «heiligen Hallen» und guten Stuben ein. Er weiss, dass die staatlichen Verwaltungen keine Geschwindigkeitsmeister und oft hinderlich sind. Dazu hat er Mitarbeiter, welche seine Steuererklärung ausfüllen und viele andere Umfragen.

Alles dies macht der Gewerbler nachts und an den Wochenenden. Er kämpft um seine eigene Welt, wohl wissend, dass er nicht nur in der UBS mit 50 Jahren dem langsamen Niedergang ausgeliefert wird. Deshalb ist er das Rückgrat unserer Gesellschaft. Manchmal ist es krumm.

* Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon, ZH

Die Tribüne-Autoren geben ihre eigene Meinung wieder; diese muss sich nicht mit jener des sgv decken.