Publiziert am: 03.05.2019

Wer sind die wahren Freunde der Schweiz?

Wie schwer es ist, als KMU und Gewerbebetrieb zu überleben, hat uns zuletzt kein anderer als Peter Brabeck-Lethmathé bewiesen. Der langjährige Chef des Nestlé-Konzerns hat mit Freunden in Leuk im Wallis 30 Millionen Franken in die Hand genommen, um dort mit Stören frischen Kaviar zu produzieren. Jetzt sind die elitären Fischzüchter um Millionen ärmer und mit ihnen der Kanton Wallis, der einige Millionen mitfinanzierte. Kaviar aus dem Wallis konnte der russischen und iranischen Produktion nicht standhalten. Ein Millionentraum ging im Sand der Rhône unter.

Ein Schweizer in Deutschland hat Millionen in Sonnenenergie investiert und war einige Zeit erfolgreich. Dann kamen die Chinesen mit ihren Solarpanels, und seine Firma ging bankrott. Sein Freund sagte mir: «Ich werde sofort aus jeder Firma aussteigen, die sich chinesischer Konkurrenz zu stellen hat. Die Chinesen sind grösser und uns in jeder Beziehung überlegen.»

In der Schweiz stehen wir an einem Scheideweg. Noch ist vor allem die Ostschweiz voller Zulieferer der deutschen, baden-württembergischen Maschinen-, Metall- und Autoindustrie. Die Schwaben schätzen die Präzisionsarbeit der Schweizerinnen und Schweizer. Der Wirtschaftsraum Schweiz-Baden-Württemberg mit total 16 Millionen Einwohnern ist einer der erfolgreichsten der Welt. Sie haben einen internationalen Flughafen zusammen: Zürich-Kloten, von wo aus viel Fracht und 30 Millionen Passagiere jährlich in alle Welt fliegen. Die Schweiz ist an dieser Schnittstelle, wo auch Zehntausende von Schweizern jede Woche jenseits der Grenze billig einkaufen, bereits zu einem Teil der EU geworden.

Das ist nicht anders in Zollikon, einer Vorortsgemeinde von Zürich, wo die Pfadi es gewohnt war, an Dorffesten zum Vorteil ihrer Vereinskasse selbstgebackenen Kuchen zu verkaufen. Das ist jetzt verboten, weil nach einer EU-Richtlinie, die von der Schweiz übernommen wurde, die Gesundheitsrichtlinien dies nicht mehr erlauben. Die Festgäste müssen ihren Kuchen bei den benachbarten Migros, Coop und Volg einkaufen. Das ist auch «Swiss made», aber nicht mehr «handmade».

Ich bin enttäuscht darüber, wie unsere Schweizer Eigenart in Bern von unseren Politikern und Diplomaten verteidigt wird. Wenn die Russen und Iraner unseren Kaviar vernichten, die Chinesen unsere Solarproduktion und die EU-Behörden unseren mit Liebe hausgebackenen Kuchen, dann brauchen wir keine Aufstände mehr gegen «zu viel EU». Wir sollten uns vielmehr eingestehen, dass wir die EU bereits in unserem Staatskörper haben. Sie wird erst sichtbar wie die Mundbläschen an den Lippen, wenn unser Körper müde oder sonst geschwächt ist.

KMU und Gewerbe, 500 000 Firmen, die vom Schweize­rischen Gewerbeverband verteidigt werden, haben sich bisher, oft auch nur knapp, gegen diese internationalen Zumutungen verteidigt. Die Wirklichkeit ist aber eine ganz andere. Wenn der Südafrika-Schweizer Roger Federer in Rapperswil-Kempraten eine neue Supervilla baut, die samt Boden sicher mehr als 50 Millionen Franken kosten wird, gehört er zu einer Klasse von Schweizern, die mit dem Schweizer Volk und dessen Sorgen nichts mehr zu tun hat.

Über 5000 Ausländer leben in der Schweiz zu steuer­lichen Sondertarifen, die letztlich skandalös sind. Der Autor dieser Zeilen hat oft mehr Steuern bezahlt als der in Gstaad wohnhafte griechische Milliardär Mimran, der seiner eigenen Heimat, Griechenland, die notwendigen Steuern durch die Flucht in die Schweiz verweigert hat.

Kantone und Gemeinden argumentieren, mit diesen Erlösen aus den Kassen der Superreichen könnten die Steuern tief und die Nebeneinnahmen des Gewerbes hoch gehalten werden. Das ist nicht falsch, aber es ist keine freiheitlich-demokratische, sondern eine Hausdiener­mentalität, die derlei ermöglicht.

In einer freien Schweiz zahlen die freien Schweizer gerne ihre Steuern. Dies setzt voraus, dass der Staat sparsam ist und nicht die Luxusbedürfnisse seiner Staatsangestellten befriedigt. Die Ausländer schenken uns nichts oder nur dann, wenn sie dafür ein Gegengeschäft machen können. Unsere KMU und unser Gewerbe sind die wahren Freunde der Schweiz. Daran sollten wir jeden Tag denken.

*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon (ZH)