Publiziert am: Freitag, 19. Januar 2018

Wir brauchen gute Berufsleute

BILDUNG – Schüler und Lernende schätzen die zahlreichen Zukunftsperspektiven, die ihnen eine Berufslehre bietet. Umso wichtiger ist es, dass die Bedürfnisse der Wirtschaft in einer gleichberechtigten Verbundpartnerschaft respektiert und umgesetzt werden.

Ein wichtiger Aspekt im Rahmen des Tagungstitels «Wert der KMU» ist die Berufsbildung. Sie stand am Freitagmorgen der 69. Winterkonferenz im Mittelpunkt. Für einmal kamen die Direktbetroffenen an der Basis – Schüler und Lernende – zu Wort. Alan Cantekin und Dominic Bühler, beide Schüler der 3. Sekundarschule in Mettmenstetten (ZH), erzählten von ihrem Berufsfindungsprozess. Dabei galt es, sorgfältig abzuwägen, ob der gymnasiale oder der beruf­liche Weg für sie mehr Sinn macht. Für beide war es keine einfache Entscheidung, sind sie doch sehr gute Schüler und haben sie die Übergangsprüfung ins Gymnasium absolviert respektive bestanden. Beide haben sie sich für eine Berufslehre als Informatiker entschieden, die sie im Sommer bei Roche respektive der Zürcher Kantonalbank beginnen werden. «Für mich ist die Praxis im Alltag sehr wichtig, ebenso wie das Verdienen des ersten eigenen Geldes», begründete Cantekin seine Entscheidung. Das viele Lernen hätte ihn auch etwas abgeschreckt: «Ich möchte lieber meinen Freundeskreis ausgiebig pflegen. Ich kann später nach der Lehre immer noch via Passerelle an die Uni gehen», so Cantekin.Hauptgründe, eine Berufslehre als Informatiker zu beginnen, sind für Bühler, seinen jetzigen Kollegenkreis und die coolen Lehrer an der Sekundarschule beizubehalten sowie die Freude am Computer.

Bereits eine Berufslehre hinter sich haben Stefan Lutzi aus Chur sowie Samuel Disch aus Rabius. Beide Bündner absolvieren zurzeit eine Zweitausbildung als Spengler EFZ respektive Forstwart EFZ. Lutzi stellte am Ende seiner ersten Lehre als Elektroniker fest, dass er zu wenig handwerklich gefordert wurde und gerne in die Fussstapfen seines Grossvaters treten möchte. «Bei meinem ersten Betrieb waren das Arbeitsklima und der Umgang untereinander belastend. Es war die richtige Entscheidung zu wechseln. Ich habe innerhalb weniger Monate meine zweite Lehrstelle gefunden und dabei einen wirklich guten Betrieb erwischt», so Lutzi.

Bildungssystem hegen 
und pflegen

Disch hingegen hat nach seiner Malerlehre zweieinhalb Jahre eine Lehrstelle als Forstwart gesucht. «Ich musste hartnäckig am Ball bleiben, um eine der raren Lehrstellen zu erwischen, aber es hat sich gelohnt.» Weniger im Vordergrund steht bei der Berufswahl für die jungen Leute das Geld. Andere Aspekte wie Arbeitsklima, Freude am Beruf, gute Kollegen werden mehr gewichtet. Dies bestätigte auch Simon Hugi. Er hat sich als Landschaftsgärtner ausbilden lassen und ist als ehemaliger Teilnehmer der WorldSkills in die Ausbildung von jungen Leuten reingerutscht. «Die Leute sind bei uns nahe am Markt, kennen die Bedürfnisse der Kunden, sind sehr flexibel und können auf allfällige Änderungen rasch reagieren», skizzierte er die Stärken des dualen Bildungssystems. Für die Betriebe rechne es sich immer, Lernende auszubilden, denn somit werde qualifizierter Berufsnachwuchs gesichert. «Wir brauchen gute Berufsleute, die mit viel Herzblut ausgebildet werden», appellierte er an Betriebe und Berufsverbände. Und sein Wunsch an die Politiker ist indessen, «dass sie unser duales Bildungssystem weiterhin hegen und pflegen und dahinterstehen».

OdA werden benachteiligt

Für die Ausbildungsinhalte verantwortlich sind die Branchenverbände. Auch diese haben ihre Forderungen an die Politik. Die Ausbildung in den Betrieben, in den überbetrieblichen Kursen (ÜK) sowie in den Berufsschulen würden gerade hinsichtlich der Digitalisierung immer anspruchsvoller und auch wesentlich teurer, gibt Roland Goethe, Präsident SWISS­MECHANIC, zu bedenken. «Die Ausbildner dürfen hier nicht die alleinigen Kostenträger sein, wir erwarten, dass sie von Bund und Kanton unterstützt werden.» Er sprach auch die Gleichwertigkeit zwischen akademischem und beruflichem Weg an. «Es ist für die Nachwuchswerbung zen­tral, dass hier die beiden Ausbildungsmöglichkeiten nicht gegeneinander ausgespielt werden.» Problematisch für den Schweizerischen Fachverband für Kosmetik SFK ist, dass der nicht geschützte Beruf der Kosmetikerin mit sinnverwandten Berufen, die über keine Grundbildung verfügen, in eine Trägerschaft gedrängt werde. «Hier müssen die Verbände auch mitreden dürfen», fordert SFK-Präsidentin 
Caroline Kiener vom Bund.

«Die Ausbildner 
dürfen hier nicht 
die alleinigen 
Kostenträger sein.»

Wie wichtig die Verbundpartnerschaft in der Berufsbildung ist und dass eine allfällige Tendenz zur Verstaatlichung vermieden werden muss, wurde im anschliessenden Podium diskutiert. Bezüglich Verbundpartnerschaft hätte man in der Praxis gerade bei der Finanzierung oft den Eindruck, wer zahlt, befiehlt, so sgv-Direktor und Nationalrat Hans-Ulrich Bigler (FDP/ZH) an die Adresse von Bund und Kantonen. «Die Organisationen der Arbeitswelt (OdA) werden nicht auf Augenhöhe wahrgenommen.» Darauf entgegnete Josef Widmer, stellvertretender Direktor des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI, unser duales System sei sehr arbeitsmarktorientiert. «Bei uns sagt die Wirtschaft, was sie braucht.» In gewissen Teilbereichen gehe die Harmonisierung etwas zu weit, gibt Ständerat Stefan Engler (CVP/GR) zu bedenken. «Das Tempo von Staat und Wirtschaft sind halt nicht immer aufeinander abgestimmt.» Nationalrat Adrian Amstutz (SVP/BE) kam auf die Akademisierung der Berufe zu sprechen und forderte eine anforderungsgerechtere Ausbildung: «Wir haben zu viele Theoretiker und zu wenige Praktiker», so der Präsident des Schweizer Nutz­fahr­zeug­verbandes ASTAG. Hier seien ganz klar die Berufsverbände und Unternehmen gefordert, sich einzubringen, konterte Theo Ninck, Präsident der Schweizerischen Berufs­­bildungs­­ämter-Konferenz SBBK. CR

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