Publiziert am: Freitag, 11. Dezember 2015

«Wir haben schlicht keinen Platz»

GOTTHARD-SANIERUNGSTUNNEL – Die Region Nordwestschweiz steht vor grossen Herausforderungen in der Mobilität. Völlig 
ausgeschlossen ist deshalb eine Umleitung von zusätzlichem Binnenverkehr auf überdimensionierte Verladestationen in Basel.

Die Art, wie der Gotthardtunnel saniert wird, hat direkte Auswirkungen auf den Verkehr in der Nordwestschweiz. Diese steht nämlich punkto Mobilität vor grossen Herausforderungen. Sabine Pegoraro, Regierungsrätin des Kantons Basel-Landschaft, bestätigte dies vor den Medien in Liestal: «Unser Strassennetz ist an vielen Orten dauernd überlastet, und es ist teilweise auch am Ende seiner Lebenszeit angelangt.» Dabei zählte sie diverse anstehende Sanierungsprojekte im Grossraum Basel-Nordwestschweiz auf. Die Baudirektorin erteilte dem Vorschlag der Gegner der zweiten Röhre, eine lange rollende Landstrasse Lang-ROLA zwischen Basel und Chiasso einzurichten, eine klare Abfuhr: «Dies ist ein No-Go. Dafür braucht es Warteräume in der Nähe der Verladestationen. Dafür haben wir schlicht keinen Platz.» Die Region vertrage es einfach nicht mehr, dass zur ohnehin zu erwartenden Verkehrszunahme noch künstlich eine weitere Zunahme generiert werde. Als möglicher Standort für eine solche Verladestation käme der Basler Güterbahnhof Wolf in Frage.

«Die rollende Autobahn ist nicht eine Lösung des Problems – sie verschärft vielmehr das Problem.»

Christoph Buser, Direktor 
Wirtschaftskammer Baselland

«Da würden viele tausend Lastwagen zusätzlich pro Jahr aus dem Schweizer Binnenverkehr nach Basel gelockt werden, um sie hier zu verladen und sie retour durch die Schweiz und den Gotthard zu führen», skizzierte Christoph Buser, Direktor der Baselbieter Wirtschaftskammer, die absurde Situation. «Das führt zu einem riesigen Verkehrschaos. Das ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch umweltpolitischer Unsinn. Die rollende ­Autobahn ist nicht eine Lösung des Problems – sie verschärft vielmehr das Problem», ist Buser überzeugt. Zudem gäbe es über die technische Machbarkeit dieser Lang-ROLA keine gesicherten Daten. Ebenso wäre diese Lösung unverhältnismässig teuer. «Hier muss mit mehr als drei Milliarden Kosten gerechnet werden – die zweite Tunnelröhre kommt da billiger», stellte Buser fest.

«Es gibt keine Toleranzen. Eine Verlagerung auf die Schiene wird nicht möglich sein.»

Thomas Murpf, Unternehmer

Auch Marcel Schweizer, Direktor des Gewerbeverbandes Basel-Stadt, wies auf die grosse Bedeutung einer funktionierenden Nord-Süd-Achse für die Wirtschaft hin. «Die Kapazität der Achsen, die durch Basel hindurchführen, muss sichergestellt werden. Zudem brauchen wir eine funktionierende Strassenverbindung für unsere Wirtschaft nach Italien.»

Strasse für KMU-Wirtschaft 
entscheidender Verkehrsträger

Jährlich stehe der Verkehr auf Schweizer Strassen während rund 20 000 Staustunden still, gab sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler zu bedenken. «Wir müssen dringend dafür sorgen, dass unsere KMU arbeiten können anstatt im Stau zu stehen, dass sie Waren transportieren können, ohne teure Verzögerungen in Kauf nehmen zu müssen.» Gerade für die KMU-Wirtschaft sei die Strasse der entscheidende Verkehrsträger. «Wir als Schweizerischer Gewerbeverband sgv fordern deshalb eine rasche Sanierung der Engpässe und mehr finanzielle Mittel für die Strasse – auch in der Nordwestschweiz», betonte Bigler. Als positives Beispiel strich er die Sanierung des Belchentunnels der A2 mit einer dritten Röhre hervor. Die dritte Röhre am Belchen sei denn auch weitgehend unbestritten. Er fragte sich, weshalb dasselbe nicht für den Gotthard gelte, wo doch der Bau der dortigen Sanierungsröhre mit 119 Millionen Franken pro Kilometer günstiger zu stehen komme als am Belchen mit 156 Millionen.

Pünktlich und frisch liefern

Wie wichtig die effiziente Sanierung des Gotthard-Strassentunnels mittels zweiter Röhre für Schweizer Unternehmer ist, betonte Transportunternehmer Thomas Murpf. Mit der 
F. Murpf AG aus Hägendorf im Kanton Solothurn transportiert er bis zu 80 Mal die Woche Frischprodukte durch den Gotthard-Strassentunnel: «Eine garantierte Strassenverbindung durch den Gotthard ist Bedingung, um pünktlich und frisch liefern zu können. Die rechtzeitige Lieferung ist ein wichtiger Teil der Abmachung, die wir mit unseren Kunden im Tessin haben», betonte Murpf. Darum brauche es den Sanierungstunnel unbedingt. Eine Umfahrung des Gotthards via San Bernardino sei rund 100 km länger und erhöhe die Transportkosten um 50 Prozent. Ebenso sei die Variante Rollende Landstrasse ROLA keine Lösung. «Es gibt keine Toleranzen. Eine Verlagerung auf die Schiene wird nicht möglich sein», sagte Murpf.Corinne Remund

ZAHLEN & FAKTEN

Ein Fünftel des Aussenhandels erfolgt via Nordwestschweiz

Die Wirtschaftsregion Nordwestschweiz hat ein gros­ses Interesse am Gotthard-Sanierungstunnel. Sie ist von allen Regionen der Schweiz diejenige, die mit 20,7 Prozent im Import und Export durch den Gotthard und über die Tessiner Aussengrenze die grössten Anteile hat. 2014 haben die Kantone ­Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Jura Waren im Wert von 1,3 Milliarden Franken nach Italien geliefert. Wiederum ist der Gotthard-Strassentunnel die entscheidende Verbindung. Die Nordwestschweiz importierte zudem Waren im Wert von 776 Millionen Franken über das Tessin, die in erster Linie durch den Gotthard-Strassentunnel eingeführt werden. CR

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