Publiziert am: 20.01.2023

«Ein Weckruf der Wirtschaft»

FABIO REGAZZI – Der Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands will, zusammen mit den anderen Wirtschaftsverbänden, das Bewusst­sein für den Beitrag der Wirtschaft zum Wohlergehen des Landes steigern. Das Ziel: Bei den Wahlen im Herbst soll eine solide bürgerliche Mehrheit in Bundesbern einziehen.

Schweizerische Gewerbezeitung: Sie stehen seit gut zwei Jahren an der Spitze des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv. Wie steht der Verband anfangs des Wahljahrs 2023 da?

Fabio Regazzi: Der Verband steht gut da; ich bin zufrieden. Aber nicht nur dem sgv, auch der Wirtschaft insgesamt geht es besser als befürchtet. Trotz Corona, dem Krieg gegen die Ukraine und Engpässen bei der Energieversorgung stehen wir im Durchschnitt besser da als vor wenigen Jahren. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass viele verstanden haben, dass gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft wichtig sind. Andernfalls leiden die Investitionen, und damit auch die Arbeitsplätze.

Welche Ziele hat sich der sgv für die Wahlen im Oktober gesetzt?

Zusammen mit den anderen Dachverbänden der Wirtschaft will der sgv das Verständnis dafür fördern, dass Wirtschaft und Gesellschaft Hand in Hand gehen müssen. «Alle sind Wirtschaft» ist nicht einfach ein Slogan, sondern eine Tatsache. Unser Wohlstand ist direkt mit dem Wohlergehen der Wirtschaft verbunden. Laut einer Umfrage haben bei den letzten Wahlen 2019 bloss rund fünf Prozent der Wähler ihre Stimme aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen abgegeben. Diesen Anteil wollen wir mit der Kampagne «Perspektive Schweiz» wesentlich steigern.

Fast schon traditionell hat der sgv zu Beginn des Wahljahres ein KMU-Ranking aller Parlamentarier veröffentlicht. Welchen Stellenwert messen Sie diesem Instrument bei?

Das jeweils mit Spannung erwartete Ranking soll Parlamentarierinnen und Parlamentarier daran erinnern, ihren schönen Worten zugunsten der KMU auch wirklich Taten folgen zu lassen. Es ist ein Reminder – und zwar auch für die Linke –, dass es nicht reicht, ein «Herz für die KMU» zu haben. Es braucht von der Politik auch konkrete Entscheide, die effektiv zu besseren Rahmenbedingungen führen. Wer die KMU dabei am aktivsten unterstützt, braucht sich vor dem Ranking nicht zu fürchten. Den anderen dient es als Erinnerung, es beim nächsten Mal hoffentlich besser zu machen.

Erst durch die Corona-, jetzt durch die Energiekrise: Der Gewerbeverband hat sein Profil in den letzten Jahren weiter geschärft. Welches sind für den sgv die wichtigsten Geschäfte im neuen Jahr?

Kernthemen wie der Regulierungs- und Bürokratieabbau bleiben zen-tral. Leider geht die Tendenz noch immer in die andere Richtung; umso wichtiger bleibt der Einsatz des sgv dafür. In der Krise nimmt die Dringlichkeit weiter zu, den KMU das Leben nicht unnötig zu erschweren.

Bei der Altersvorsorge – Stichwort BVG – braucht es ebenso bürgerliche Lösungen wie etwa bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels. Und schliesslich die Beziehungen der Schweiz zu Europa: Hier liegt der Ball zwar beim Bundesrat. Doch auch der sgv arbeitet in wichtigen Gremien mit beratender Stimme mit.

Die Dachverbände der Schweizer Wirtschaft – neben dem sgv also economiesuisse, der Arbeitgeber- und der Bauernverband –, haben mit «Perspektive Schweiz» im Hinblick auf die Wahlen im Herbst eine gemeinsame Aktion ins Leben gerufen. Was ist das Ziel dieser neuen Allianz?

Wie erwähnt wollen wir den Anteil jener Wähler, die zwischen dem Wohl der Wirtschaft und ihrem eigenen Wahlverhalten einen Zusammenhang sehen, erhöhen. Das Ziel dabei lautet, dass mehr wirtschaftsfreundlich gesinnte Parlamentsmitglieder gewählt werden. Vor vier Jahren mussten wir hier einen Rückgang zugunsten von Links-Grün hinnehmen: Diesen Trend wollen wir umkehren und im Parlament wieder eine solidere bürgerliche Mehrheit erreichen.

Wie soll es nach den Wahlen mit der Allianz weitergehen?

Falls es – was ich doch sehr hoffe – unserer Allianz tatsächlich gelingt, den Trend umzukehren, so sind die Voraussetzungen für deren Weiterführung gut. Mittel- und langfristig bin ich überzeugt, dass die Zusammenarbeit in Wirtschaftskreisen – bei allen Differenzen in einzelnen Geschäften – ausgeweitet werden muss. Will die Wirtschaft glaubwürdig bleiben, ist ein Minimum an Einigkeit bei zentralen Themen zwingend. Nur so können wir die anstehenden grossen Herausforderungen erfolgreich bestehen. Schaffen wir das nicht und lassen uns auseinanderdividieren, so schaden wir damit dem Erfolgsmodell Schweiz. Das dürfen wir nicht zulassen.

Wie bereits Ihre Vorgänger wünschen Sie sich, dass mehr Unternehmer im Parlament vertreten sind. Weshalb scheint es so schwierig, Wirtschafts- und insbesondere KMU-Vertreter für ein politisches Amt zu motivieren?

Ich bin seit vielen Jahren in der Politik aktiv. Die Komplexität der Themen nimmt laufend zu. Das Gleiche gilt für die Unternehmensführung. Die Vereinbarkeit von beruflichem und politischem Engagement ist schwieriger geworden. Umso wichtiger ist es, Themen mit einem unternehmerischen Approach zu behandeln. Unternehmerinnen und Unternehmer wissen, welche Lösungen für die Wirtschaft tragbar und damit nachhaltig geeignet sind, den Standort Schweiz zu stärken. Deshalb mein Appell an meine Unternehmerkolleginnen und -kollegen: Bringen Sie sich auf allen Staatsebenen in die Politik ein. Ihre Stimme ist nicht nur wichtig, sie ist unverzichtbar!

«DIE STIMME DER UNTERNEHMER IST UNVERZICHTBAR – AUF ALLEN EBENEN DES STAATES.»

Aktuell ist der sgv daran, die Nachfolge von Hans-Ulrich Bigler als Direktor zu regeln. Welche Anforderungen muss eine neue Direktorin, ein neuer Direktor erfüllen?

Hansueli Bigler – «HUB» – hat in den vergangenen Jahren eine hervorragende Arbeit geleistet und einen grossen Beitrag dazu, den sgv gegen innen und aussen zu stärken und als wichtigen Akteur in der Politlandschaft Schweiz zu etablieren. Der sgv seinerseits hat eine klare Vision, welche (Ordnungs-)Politik gefördert werden soll, welche Positionen und Argumente die immer dringlicheren Anliegen der KMU stärken und welche nicht. Eine neue «Rennleitung» muss diese Vision mittragen und mit klaren Botschaften gegen aussen vertreten. Es geht darum, dass die Anliegen der KMU gehört und Lösungen gefunden werden, die ihren Bedürfnissen entsprechen.

Sie selbst sind Unternehmer und Nationalrat. Wie bringen Sie diese beiden Tätigkeiten unter einen Hut?

Ohne eine hervorragende Unterstützung durch meinen langjährigen CEO wäre es mir nicht möglich, die beiden Rollen auszufüllen. Ich kümmere mich um die strategischen Fragen, er ums operative Geschäft. Und wertvolle, treue und engagierte Mitarbeiter setzen unsere Entscheide in ihrer täglichen Arbeit um. Was es weiter braucht, sind viel Leidenschaft fürs Geschäft und die Politik. Und nicht zuletzt auch immer wieder Phasen der Erholung. Diese finde ich in der Natur: Beim Wandern in den Bergen, auf Skitouren und auf der Jagd lade ich meine Batterien wieder auf, sodass nicht der Stress, sondern die Freude und damit die Qualität der Arbeit mein Dasein als Politiker und Unternehmer definieren. Ich bin mir bewusst, dass nicht alle Unternehmer dieses Glück haben, und ich habe Verständnis dafür. Dennoch bleibt es wichtig, dass sie ihre Stimmen in der Politik einbringen.

Sie sind der erste Tessiner an der Spitze des sgv; neu sind Sie auch Präsident der Tessiner Deputation im Parlament. Welches Gewicht hat der Südkanton in Bundesbern heute?

Wir treten selbstbewusster auf als noch vor zehn Jahren. Unser Aussenminister, der Chef der grössten Partei im Land und jener des grössten Dachverbands der Schweizer Wirtschaft sind Tessiner. Es tut der Schweiz gut, wenn Vertreter aus dem Südkanton ihren Beitrag leisten und das Land mitgestalten. Auch wenn wir bei Abstimmungen manchmal etwas anders ticken: Wir sind stolz, Teil des Erfolgsmodells Schweiz zu sein. Und unsere Erfahrungen an der Grenze zu Italien machen uns umso mehr bewusst, wie wichtig unser Beitrag für den Erfolg unseres Landes ist. Die Schweiz und das Tessin: Sie können voneinander viel lernen.

Interview: Gerhard Enggist

www.sgv-usam.ch

www.perspektiveschweiz.ch

www.regazzi.ch

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