Publiziert am: Freitag, 7. Februar 2014

«Gleichwertigkeit wird nicht gelebt»

BERUFSBILDUNGSPOLITIK – Die höhere Berufsbildung muss nachhaltig gestärkt und aufgewertet werden mit einer übersichtlichen und einheitlichen Finanzierung – denn die Studierenden von heute sind die Unternehmer von morgen.

Die Umsetzung der Aufwertung 
der höheren Berufsbildung ist eine unendliche Geschichte. Noch immer unterschätzen viele die Möglichkeiten einer höheren Berufs­bildung. Deshalb wurde sie bei den Bildungsinvestitionen in den letzten Jahren stiefmütterlich ­behandelt. Zudem wird die in der Verfassung festgeschriebene Gleichwertigkeit von beruflicher und ­akademischer Bildung nicht gelebt. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv wehrt sich vehement dagegen und hat bereits 2009 die Diskussion ­dazu angestossen. Dazu sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler: «Die Benachteiligung ist heute ­eklatant: Ein ­Student an der Uni zahlt für seine Ausbildung rund 8000 bis 9000 Franken. Ein Schreinermeister zahlt für seine Ausbildung mitsamt der Prüfung hingegen fast 50 000 Franken. Das ist ungerecht.» Deshalb habe der sgv ganz klare ­Forderungen gestellt bezüglich der Positionierung der höheren Berufsbildung. «Wir kämpfen und lobbyieren dafür, aber der Prozess ist harzig.»

Uneinheitliche Finanzierung

Der Handlungsbedarf bei der Posi­tionierung und der Finanzierung der höheren Berufsbildung ist gross und umfasst verschiedene Bereiche wie die Gleichwertigkeit, die Finanzierung zugunsten der Vorkurse auf Berufs- und höhere Fachprüfungen, das Zusammenspiel von Bund, Kan-tonen und Sozialpartnern in der Berufsbildung, aber auch die Titelfrage, um die anspruchsvollen Weiterbildungswege sowohl in einer breiten Öffentlichkeit als auch international bekannt zu machen und zu anerkennen. «Für uns ist es klar, dass die höhere Berufsbildung mit rund 400 Millionen Franken zusätzlich finanziert werden muss», betont Bigler.

Der grösste Handlungsbedarf liegt für Stefan Eisenring zweifellos in der unübersichtlichen und uneinheitlichen Finanzierung. Als Direktor der ibW Höhere Fachschule Südostschweiz, agiert er direkt an der Basis: «Diese macht es Bildungsanbietern und Studierenden schwierig, die Übersicht zu halten.» Bigler und Eisenring sind sich einig, dass grundsätzlich die Finanzierung der höheren Berufsbildung so ausgestaltet sein müsse, dass für die Teilnehmenden keine wesentliche Schlechterstellung gegenüber anderen Bildungswegen vorliegt.

«Die Bildungsanbieter sind gefordert, mit knappen Mitteln Qualität zu bieten.»

Es gehe darum, dass innerhalb der höheren Berufsbildung Finanzie-rungsmechanismen eingeführt wür-den, die klar und einheitlich seien und die nicht von kantonalen Unter-schieden geprägt würden. Dass dabei im Bereich der höheren Berufsbildung marktwirtschaftliche Mechanismen die Angebote lenkten, sei sinnvoll und effizient. Es dürfe aber nicht vergessen werden, dass für eine gute Weiterbildung auch Mittel für die Infrastruktur und die Weiterentwicklung vorhanden sein müssten. «Diese müssen es sowohl den Verbänden und Prüfungsträgern aber auch den Bildungsanbietern möglich machen, langfristig konkurrenzfähige Angebote anzubieten», betont Eisenring.

Gerade im Bereich der Vorberei-tungskurse auf Berufs- und höhere Fachprüfungen sieht Stefan Eisen-ring derzeit einen sehr grossen Handlungsbedarf. Das System sei heterogen und daher für die öffentliche Hand schwierig zu finanzieren. «Allerdings muss hier das Gesamtsystem im Auge behalten werden, wenn es nicht rasch gelingt, gute, transparente und ausgewogene Lösungen zu finden, droht gerade diesem sehr wichtigen Angebot das Aus.» Die Bildungsanbieter seien daher sehr gefordert, um mit knappen Finanzmitteln flächendeckende Angebote auch künftig in hoher Qualität anbieten zu können. Auch wenn die vorbereitenden Kurse als «sogenannt non-formal» taxiert würden, seien sie für die Studierenden von sehr grosser Bedeutung, denn letztlich sei der Weg zu einem Abschluss eben für die fachliche und persönliche Entwicklung von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Einige Knacknüsse

Zurzeit werden Lösungen gesucht und verschiedene Lösungsmodelle erarbeitet. Er sei zuversichtlich, meint Bigler. Im Gegensatz zu frühe-ren Jahren spüre er jetzt den Willen der beteiligten Parteien, zu einem Resultat zu kommen und einen Beitrag in der nächsten Botschaft für die Jahre 2017 bis 2020 einzuplanen. «Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) arbeitet zielorientiert und entwirft mehrheitsfähige Lösungen, dennoch beinhaltet die Lösungsfindung einige Knacknüsse.» Die Finanzierung für die Höheren Fachschulen scheine, was die Freizügigkeit und die systematische Einbindung der Kantone anbelange, auf gutem Weg zu sein, ist auch Eisenring überzeugt. «Eine gesamtschweizerische Vereinbarung ist auf der Zielgeraden. Allerdings ist auch hier zu bedenken, dass gerade die technische Entwicklung in den nächsten Jahren gross und kostspielig sein wird. Die Belastung für die einzelnen Studierenden ist in der Regel sehr hoch und eine weitere Verteuerung könnte sich fatal auswirken.»

Corinne Remund

Die höhere Berufsbildung ist ein Pfeiler des Erfolgsmodells Schweiz: «Absolvierende der Höheren Fachhochschulen sind immer auf hohem Niveau einsatzbereit», so Stefan Eisenring, Direktor der ibW, Höhere Fachschule Südostschweiz (kl.B.).

FOKUS DER KMU

«Die Berufsbildung hält KMU fit»

Gerade für KMU ist die höhere Berufsbildung von grosser Bedeutung: Betriebe können ihre Fachkräfte über mehrere Jahre fachlich und persönlich weiterentwickeln, ohne dass ihnen diese während längerer Zeit fehlen. «Die höhere Berufsbildung hält die Mitarbeitenden und die KMU fit», betont Stefan Eisenring. Für ihn ist die höhere Berufsbildung ein wesentlicher Bestandteil der Schweizer Bildungslandschaft. «Ohne ein gut funktionierendes höheres Berufsbildungssystem verliert die Berufsbildung als Ganzes an Attraktivität. Dies könnte für die Schweiz fatale Auswirkungen haben. Einerseits würde der akademische Weg massiv ausgebaut, andererseits würde der Fachkräftemangel sich in Anbetracht der demografischen Veränderungen zusätzlich deutlich verschärfen.» Und Bigler doppelt nach: «Die höhere Berufsbildung ist für die KMU-Wirtschaft lebensnotwendig, sie bildet das Kader von morgen aus.»

CR