Publiziert am: Freitag, 7. Februar 2014

Sozialdialog als Exportgut

POLEN – Der sgv unterstützt den polnische Arbeitgeberverband mit Know-how zum sozialen 
Dialog und hilft Schweizer KMU beim Austausch mit dem grössten «emerging market» Europas.

Wir sind uns gewohnt, die Schweiz als Exportland von Maschinen oder Dienstleistungen zu sehen. Im politischen Diskurs ist hin und wieder auch die Forderung zu vernehmen, die Schweiz sollte die duale Bildung und ihre demokratische Tradition exportieren. Die Antwort auf solche Äusserungen lautet gewöhnlich, dass es schwierig sei, die Lehre und die direkte Demokratie zu exportieren.

Der Schweizerische Gewerbeverband sgv sieht das etwas differenzierter. Mit dem grössten polnischen Arbeitgeberverband – Employers of Poland – ist der sgv eine Kooperation eingegangen, welche genau (aber nicht nur) dies bezweckt: Einerseits wollen die nationalen Verbände eine Plattform für Unternehmen beider Länder schaffen, wo diese miteinander ins Geschäft kommen. Andererseits möchte der polnische Verband von der Schweiz und vom sgv lernen, wie man die Bildung und den sozialen Dialog voranbringt. Beide Ziele sollen in drei Phasen 
erreicht werden, wobei die erste Phase schon abgeschlossen ist und die zwei weiteren im Jahr 2014 angepackt werden.

Sozialer Dialog

Phase eins beschäftigte sich mit dem sozialen Dialog. In Polen wird der Arbeitsmarkt insgesamt staatlich 
reguliert; von Sozialpartnerschaft weiss man wenig, Streiks sind alltäglich. Auch werden die verschiedenen Anspruchsgruppen im politischen Konsultationsprozess nicht integriert. Der Gesetzgebungsprozess ist Sache der Verwaltung und des Parlaments, das aus Vollzeit-Politikern besteht. Der polnische Arbeitgeberverband wollte darum erfahren, wie der Schweizer Arbeitsmarkt möglichst ohne Staatsintervention funktioniert und wie Arbeitgeberverbände in den Schweizer Gesetzgebungsprozess involviert werden.

Dafür besuchte eine Delegation des polnischen Verbandes im vergangenen Herbst den sgv und liess sich umfassend über verschiedene Aspekte des Arbeitsmarkts und der Sozialpartnerschaft informieren. Anhand zweier Branchenbeispiele wurden den polnischen Gästen von Branchenvertretern die Inhalte, die Verhandlungen und die Anpassungen eines GAV erläutert. Bei diesem Austausch wurden auch die Elemente der Schweizer Demokratie diskutiert, insbesondere der Vernehmlassungsprozess und die Einbindung der Anspruchsgruppen in ausserparlamentarische Kommissionen.

Die Erkenntnis: Während die Sozialpartnerschaft im Arbeitsmarkt ein Verhandlungsprozess ist, ist der soziale Dialog in der Gesetzgebung ein Lobbyingprozess.

Die Informationen zum Schweizer System wurden in einem Bericht zusammengestellt, der in Polen zuhanden der Mitglieder des polnischen Verbands, der Verwaltung, der Politik und der Öffentlichkeit erscheinen soll. Einzelne polnische Branchen werden versuchen, im Dialog mit den Gewerkschaften einige Aspekte der Schweizer Sozialpartnerschaft zu integrieren.

Geschäft und Bildung

Phasen zwei und drei werden sich mit Geschäft und Bildung befassen. Ein Austausch mit Polen ist eine Chance, insbesondere für Schweizer Unternehmen. Das aufstrebende Polen ist der «emerging market» Europas. Das Land wächst stärker als die ganze EU; kennt keine Finanz- oder Schuldenkrise und hat stattdessen einen grossen Appetit auf wirtschaftlichen Erfolg. Aus diesen Gründen fokussiert die zweite Phase des Austauschs auf die Beziehungen zwischen Unternehmen. So soll Ende März 2014 eine Delegation mit polnischen Unternehmen die Schweiz besuchen, um ganz konkret nach Geschäftsmöglichkeiten zu suchen; ein Gegenbesuch ist für den Herbst geplant. Ebenso beginnt dann die dritte Phase der Kooperation, die Fokussierung auf die duale Berufsbildung

sgv international engagiert

Die Aussenwirtschaft ist für die KMU in der Schweiz zunehmend wichtig. Deshalb engagiert sich der sgv für die Eröffnung neuer Kanäle für deren Internationalisierung, sei es mit seiner China-Plattform, sei es in Zusammenarbeit mit Cleantech Switzerland oder eben in der Kooperation mit Polen.

Henrique Schneider, Ressortleiter sgv

«POLEN IST DER AUFSTREBENDE MARKT EUROPAS.»

KONTAKTE ZU POLEN

sgv hilft weiter

Bundespräsident Didier Burkhalter hat Polen im Januar 2014 mit einer Schweizer Delegation besucht. Hauptthemen waren Bildung, Wirtschaft und Demokratie. Eine Beteiligung des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv, des grössten Dachverbands der Schweizer Wirtschaft also, war jedoch offenbar nicht erwünscht; lieber waren dem Aussenminister Grossbetriebe und Grossbanken…

Statt auf dem grossen Parkett erledigt der sgv seine Aufgaben seit jeher eher im Bereich des Konkreten – so auch in diesem Fall.

Sind auch Sie am Austausch mit Polen interessiert? Möchte auch Ihr Unternehmen polnische Partner kennen lernen?

Melden Sie sich für weiterführende Informationen bei sgv-Ressortleiter Henrique Schneider: 
h.schneider@sgv-usam.ch