Publiziert am: 07.03.2014

Von Lehrlingen zu «Lernenden»

TRIBÜNE

Wie jedes Jahr um diese Zeit nütze ich meine sogenannten Sportferien, um in aller Ruhe im Wintergarten des Montafoner Hotels die Kandidateneinteilung unserer Lehrlinge für die diesjährige Lehrabschlussprüfung zu machen. Als Prüfungsleiterin und Chefexpertin fällt diese Aufgabe mir zu – für eine leidenschaftliche Listenerstellerin, wie ich es bin, genau das Richtige. Nun sind Sie vielleicht auf die heute nicht mehr gebräuchlichen Ausdrücke «Lehrabschlussprüfung» und «Lehrlinge» gestossen. Ich leiste mir den Luxus, diese verständlichen Terminologien zu gebrauchen. Denn was sagt uns LAP? Dass es sich um eine Prüfung am Ende der Lehre handelt. Klar, einfach, logisch. Was sagt uns das heutige hochgestochene «Qualifikationsverfahren»? Nichts. Es kann sich um eine Fahrprüfung oder sonst etwas Unergründliches handeln.

Warum wehren Sie sich als Lehrmeister nicht, dass Sie heute Berufsbildner genannt werden? Dass Sie nicht mehr für Ihren Berufsverband, sondern für eine «Organisation der Arbeitswelt», eine absolut scheussliche und an den Haaren herbeigezogene Wortschöpfung, tätig sind? Waren wir simpel und einfach gestrickt, dass wir uns jahrzehntelang mit Einführungskursen und Modell-Lehrgängen zufriedengaben? Heute brauchen wir dazu «überbetriebliche Kurse» und «Instrumente zur Förderung der betrieblichen Bildung». Auch unsere Lehrlinge und Lehrtöchter erhielten ein neues und sprachlich leider völlig falsches Mäntelchen. «Lernende» werden sie genannt. Wer dies zu erfinden meinte, hat nun den Aufbau der deutschen Grammatik nicht begriffen. Das muss an einem Beispiel erklärt werden. Ich bezeichne mich als leidenschaftliche Leserin. Aber eine «Lesende» bin ich nur genau in dem Moment, in welchem ich ins Buch schaue – lege ich es weg, ist dieser aktive Zustand wieder vorbei, werde ich wieder zur Leserin. So sind unsere Lehrlinge nur genau im Moment des Lernens «Lernende»!

Ich stelle mir vor, wie eine beflissene Task Force über Jahre am Desk Top, in Steeringgroups und an Roundtables diese Sprachverbrechen begangen hat, sich dabei auf die Schultern klopfte und sich wahnsinnig politisch korrekt vorkam (dies notabene mit Steuergeldern). Die «Verschlimmbesserung» der Begriffe ist für mich ein Dauerärgerthema. Und es beginnt schon in der Volksschule mit den Lehrern. Was? Lehrern? Die gibt es heute ja gar nicht mehr! Heute sind es Lehrpersonen. Meine Güte. Kennen Sie jemanden, der von sich behauptet, er sei eine Lehrperson? Ruft die Studentin fröhlich: «Ich will Lehrperson werden?» Sicher nicht. Hier haben aber ganz findige Köpfe diesen schrecklichen Begriff «Lehrpersonen» kreiert. Ja, warum wohl? Weil «Lehrer und Lehrerinnen» zu lang ist? So viel Zeit und Platz müsste doch sein? Weil «Lehrer» allein sofort die Stirn des Gleichstellungsbeauftragten runzeln lässt und die Genderforscherin zu scharfer Kritik animiert? Also bitte. Ich erwarte etwas mehr Normalität und Gelassenheit. Gerade auch in der Sprache. Weg mit den künstlichen und aufgeblähten Worthülsen. Damit wir wieder wissen, wovon wir reden!

*Babette Sigg ist Präsidentin des Konsumentenforums kf, der einzigen liberalen Konsumentenorganisation.

Die Tribüne-Autoren geben ihre eigene Meinung wieder; diese muss sich nicht mit jener des sgv decken.