Publiziert am: 07.02.2014

«Wir werden zu Hilfs-Cops»

ALEXANDER RABIAN – Der Vorsitzende der Geschäftsleitung der Selbstregulierungsorganisation der Schweizerischen Vermögensverwalter über die regulatorischen Folgen der Finanzkrise.

«DIE REGULIERER
SCHAFFEN laufend 
DIE GRUNDLAGEN FÜR 
NEUE REGULIERUNGEN.»

«NEUE REGULIERUNGEN TREFFEN KLEINE BANKEN UND unabhängige vermögensverwalter WESENTLICHER HÄRTER ALS GROSSBANKEN.»

«DIE FINANZKRISE HAT ZU EINEM REGULIERUNGS-TSUNAMI FÜR ALLE FINANZDIENST-LEISTER GEFÜHRT.»

Schweizerische Gewerbezeitung: Welchen Stellenwert haben die unabhängigen Vermögensverwalter für die Schweizer Wirtschaft?

  Alexander Rabian: Die unabhängigen Vermögensverwalter (uVV) in der Schweiz sind gewerbliche Nischenanbieter im schweizerischen Finanzsektor. Sie betreuen für ihre in- und ausländischen Kunden mehrheitlich Bankvermögen in einer Grössenordnung von rund 550 Milliarden Franken. Über 10 000 Beschäftigte (Unternehmer und Angestellte) finden bei uVV meist hoch qualifizierte Arbeit. Die uVV schaffen einen Wertschöpfungsbeitrag von gegen fünf Milliarden für die schweizerische Volkswirtschaft.

«DIE REGULIERER
SCHAFFEN laufend 
DIE GRUNDLAGEN FÜR 
NEUE REGULIERUNGEN.»

Welche Aufgaben übernehmen Vermögensverwalter speziell für KMU?

  Die Welt der uVV der Schweiz ist sehr vielfältig. Sie bieten primär Vermögensverwaltungsdienstleistungen an – auch für Unternehmer und ihre Unternehmen. Spezialisierte uVV entwickeln u.a. auch Vorsorgelösungen, erbringen Steuer- und Nachfolgeberatung, beraten im Bereich des Managements von Aktiven und Passiven von Unternehmen und bieten sogar das Management von unternehmensweiten Währungsrisiken an. Es besteht damit auch ein banken­unabhängiges Beratungsangebot für alle finanziellen Belange von KMU.

Die Bedeutung des Bankensektors für die Beschäftigung in der Schweiz ist in den letzten 
12 Jahren gesunken, jene von Dienstleistern wie den gewerblichen Vermögensverwaltern hat stark zugenommen. Wie erklären Sie diese Entwicklung?

  In der Tat waren in den vergangenen 20 Jahren die uVV eine der schnellsten wachsenden Branchen auf dem Finanzplatz, während vor allem der Bankensektor im Bereich Arbeitsplätze und im Bezug auf ihren Beitrag zur gesamten Wertschöpfung der Schweizer Wirtschaft stagnierten und in den letzten 12 Jahren sogar sanken.

Gerade in der Vermögensverwaltung hat sich das Angebot der Banken in diesem Zeitraum von individueller Betreuung zur Massenabfertigung gewandelt. Nur noch Superreiche kommen bei Schweizer Banken in den Genuss individueller Betreuung. Insbesondere die grösseren Institute haben sich zu integrierten Produktions- und Vertriebsketten von Finanzprodukten gewandelt. Eine steigende Zahl von Kunden sucht nach unabhängigen Anbietern, die ausschliesslich den Kundeninteressen verpflichtet sind, und für die der Dienst am Kunden im Zentrum steht. uVV sind die wichtigsten Anbieter in diesem Bereich.

Sie beklagen eine eigentliche Regulierungsflut im Finanzsektor. Worauf stützen Sie diese Aussage?

  Derzeit arbeiten über 20 internationale und supranationale Organisationen an Entwicklung und Weiterentwicklung von sogenannten «internationalen Standards» zur Regulierung von Finanzdienstleistern. Laufend werden neue solche Regeln publiziert und über «Länderprüfungen» durch diese Organisationen wird massiver Druck auf einzelne Staaten zur Übernahme dieser Standards ausgeübt. Die Mehrheit dieser Organisationen setzt sich aus Funktionären von Regulierungsbehörden zusammen. Die Regulierer schaffen sich so selbst die internationalen Grundlagen für neue Regulierungen.

In der Schweiz waren in den letzten drei Jahren oder sind derzeit praktisch alle wichtigen Gesetze und Verordnungen für die Regulierung von Finanzdienstleistern und Finanzprodukten in weitreichender oder Totalrevision. In allen Fällen werden neue Regeln, Pflichten und andere administrative Hürden geschaffen.

Und schliesslich ist der Personal­bestand der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht in den vergangenen vier Jahren um über 26 Prozent gestiegen. Die Behörde beschäftigt heute rund 450 Personen.

Wie stehen die uVV zu den Regulierungen, wie sie in der Folge der Finanzkrise national und international implementiert wurden?

  Die Finanzkrise war ja eine Banken- und Vertrauenskrise. Sie hat jedoch zu einem Regulierungs-Tsunami für alle Finanzdienstleister geführt, auch für diejenigen, die nichts zur Krise beigetragen haben, sondern sogar auf Anzeichen für entsprechende Risiken hingewiesen haben.

Die neuen Regulierungen im Nachgang zur Finanzkrise mögen zwar teilweise zur Stabilisierung des Finanzsystems beigetragen haben. Neue und zusätzliche Regulierungen für uVV verfolgen andere Ziele: International geht es darum, Märkte für ausländische Anbieter nach Möglichkeit abzuschotten. National wird nach angeblich «gleich langen Spiessen» für alle Anbieter verlangt – nach dem Motto: «Wir Banken werden kaputt reguliert, den anderen soll es nicht besser gehen!»

Welche Regulierungen treffen die uVV härter: Jene im Ausland oder die quasi hausgemachten?

  Die ausländischen Regulierungen, welche auf eine Abschottung des jeweiligen Marktes für einheimische Anbieter abzielen, erschweren den schweizerischen uVV die Betreuung der bestehenden Kunden im Ausland massiv und verunmöglichen praktisch die Gewinnung neuer Kunden. Das trifft die uVV in der Schweiz hart.

Vor dem Hintergrund steigender Probleme beim Kundenzugang sind die uVV in der Schweiz natürlich auch auf steigende Kosten anfällig, die durch inländische Regulierungen ausgelöst werden. Diese sind vor allem dann höchst problematisch, wenn sie am Ende weder den Anlegerschutz verbessern, noch zur Stabilität und zur Reputation des Finanzplatzes beitragen.

«DIE FINANZKRISE HAT ZU EINEM REGULIERUNGS-TSUNAMI FÜR ALLE FINANZDIENST-LEISTER GEFÜHRT.»

Wem dienen diese Regulierungen denn in erster Linie?

  Neue Regulierungen verursachen insbesondere Sprungfixkosten, weil neues Personal eingestellt werden muss, oder neue Dienstleister mit Kontrollaufgaben beauftragt werden müssen, ohne dass sich dies positiv auf die Ertragslage auswirkt. Solche Kosten können von grossen Anbietern weit besser absorbiert werden als von kleinen. Entsprechend treffen neue Regulierungen kleine Banken und uVV wesentlicher härter als Grossbanken. Regulierung sorgt damit stets dafür, dass die Zahl der Anbieter abnimmt und die Konzentration auf wenige zunimmt. Da die beiden Grossbanken schon die Hälfte der in der Schweiz hinterlegten Vermögen aufbewahren, sorgt Regulierung für eine Akzentuierung der Systemrisiken. Und das dient letztlich gar niemandem.

Sie hinterfragen auch den Ausbau des Anlegerschutzes. Aus welchen Gründen?

  Auch Anlegerschutz kostet. Jede zusätzliche Bestimmung zum Schutz der Anleger verursacht weitere Kosten. Diese müssen zumindest zu einem erheblichen Teil in die offenen oder versteckten Kosten von Dienstleistungen und Produkten eingepreist werden. Damit sinken die Chancen des Anlegers, unter dem Strich eine positive Rendite zu erzielen.

Auch der beste Anlegerschutz kann Verluste nicht ausschliessen; der Investor muss aber auch eine Chance haben, diese durch Erträge zu kompensieren oder zu übertreffen. Gerade in diesem Bereich wirkt sich der wohlgemeinte Schutz nachteilig für den Anleger aus.

«NEUE REGULIERUNGEN TREFFEN KLEINE BANKEN UND unabhängige vermögensverwalter WESENTLICHER HÄRTER ALS GROSSBANKEN.»

Die Schweiz galt seit jeher als Hort der Sicherheit, gerade auch in Finanzfragen. Wie kann sie diesen Ruf bewahren?

  Die Schweiz und ihr Finanzplatz geniessen nach wie vor einen mehrheitlich ausgezeichneten Ruf. Dieser hat seine Grundlagen in der Vertrauenswürdigkeit der Dienstleister, in der Rechtsicherheit und in stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen. Zu diesen Faktoren müssen wir Sorge tragen!

Der Finanzsektor lebt vom Vertrauen seiner Kunden. Doch dieses hat in den vergangenen Jahren gelitten. Kein Finanzskandal auf dieser Welt, in dem nicht mindestens eine unserer Grossbanken ihre Finger drin hatte. Datenklau durch unzufriedene Mitarbeiter, exzessive Saläre und Boni: Dies alles sind Geschichten, welche den guten Ruf beschädigen können.

Zudem steht der Vermögensverwaltungsplatz Schweiz – wenn es denn nach dem Willen des Bundesrates geht – vor einem radikalen geschäftspolitischen Umbau. Mit dem früheren Wegschauen bei der Frage, ob der Kunde sein hier liegendes Vermögen «zu Hause» auch ordnungsgemäss versteuert, soll es vorbei sein. Banken, Vermögensverwalter und Treuhänder sollen zu «Steuer-Hilfspolizisten» im Dienste des Auslands werden und bei jedem angenommenen Franken, Euro oder Dollar sicherstellen, dass überall auf der Welt alles seine steuerliche Ordnung hat. Kein anderer Finanzplatz geht in diese Richtung. Ob der Finanzplatz Schweiz einen solchen Alleingang ohne grossen Schaden wird überleben können, ist mehr als nur fraglich.

Interview: Gerhard Enggist

DER VSV

Der Verband Schweizerischer Vermögensverwalter (VSV) ist der führende nationale Branchenverband der unabhängigen Vermögensverwalter (uVV) in der Schweiz. Getragen wird der VSV von rund 1000 uVV als Aktivmitglieder; dazu kommen rund 100 Passivmitglieder, mehrheitlich aus dem Bankensektor. Seit 1990 ist der VSV Selbstregulierer der Branche. Er erlässt Standesregeln für das berufliche Verhalten der uVV und ist seit 1999 anerkannte Selbstregulierungsorganisation im Geldwäschereibereich. UVV verwalten zwischen 10 und 14 Prozent der Vermögenswerte bei Schweizer Banken. Mehr als 99 Prozent der uVV in der Schweiz sind KMU. Der VSV ist seit 2006 Mitglied des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv. En