Publiziert am: 19.10.2018

Wenn Lehrlinge zum Business werden

Glaubt man dem «Tages-Anzeiger», dann muss es schlecht um das Lehrlingswesen stehen. «Ein überholtes Lehrsystem» wurde in der Ausgabe vom vergangenen Dienstag getitelt. Als Kronzeuge für dieses Verdikt wird Unternehmensberater Peter Heiniger zitiert. Er ortet grosse Konflikte an der Front. Lehrlinge, die von ihren Ausbildnern schnoddrig zurechtgewiesen würden und unter Musikhörverbot litten. Die Ausbildner seien oft überlastet, erschöpft und schlecht ausgebildet und hätten selten ein Flair für junge Leute. Ausserdem müssten sich die KMU mit den schlechteren Anwärterinnen und Anwärtern begnügen, da die motivierten von den Grossfirmen weggefischt würden. Gut, dass angesichts dieser Missstände Unternehmen wie Heiniger Lehrlingsberatung ihre Dienste den KMU anbieten. Ein Problem suchen und orten und die geeignete Lösung anbieten. So funktioniert Business.

Doch wie schlecht ist es wirklich bestellt um das Lehrlingswesen in der Schweiz? Im gleichen Artikel durfte auch ich als sgv-Direktor Stellung nehmen. Meine einleitenden Worte, die auf den Grosserfolg der Schweizer Delegation an den EuroSkills verwiesen, wurden im Artikel nicht berücksichtigt. Dass die im Artikel genannten Beispiele jeglicher Repräsentativität entbehren und den von uns erhaltenen Rückmeldungen aus Ausbildungsbetrieben widersprechen, wurde jedoch aufgenommen. Weiter wurde ich zitiert, dass das schweizerische Bildungssystem keineswegs veraltet, sondern höchst modern sei. Ich wies darauf hin, dass laut dem St. Galler Bildungsökonomen Stefan Wolter das schweizerische Bildungssystem das einzige sei, welches dank aktiven Mitwirkens der Betriebe junge Leute wirklich arbeitsmarktfähig mache. Zum Schluss bezweifelte ich, dass die KMU, welche 70 Prozent aller Lehrlinge in der Schweiz ausbilden würden, sich wirklich mit dem «Rest» der nicht gut qualifizierten Lehrlingsanwärter begnügen müssten.

Angesichts dieser Argumentation musste sogar Berater Heiniger auf Rückfrage des Journalisten einwenden, dass das System als solches gut sei, der Umgang mit den Lernenden jedoch nicht mehr zeitgemäss sei. Was bedeutet zeitgemäss? Sicher nicht nur, dass Musikhören und Kopfhörertragen bei der Arbeit erlaubt ist. Viel wichtiger ist, dass von Beginn weg für die Lernenden die Faktoren «Eignung» und «Neigung» gegeben sind. Denn was hilft der konstruktivste und verständnisvollste Ausbildner, wenn der junge Mensch schlicht im falschen Beruf ist, welcher ihn nicht interessiert oder überfordert?

Um die Passform von Lehrling und Ausbildung möglichst zu erhöhen, hat der Schweizerische Gewerbeverband zusammen mit der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) die Anforderungsprofile entwickelt. Mit diesem Instrument können Jugendliche ihr Schulwissen mit den Anforderungen der Lehrberufe abgleichen und besser einschätzen, ob sie von den schulischen Leistungen wie auch von den Anforderungen her genügend geeignet sind für ihren Wunschberuf. Der passende Lernende im passenden Beruf. Die erste Klippe, welche zu einem Lehrabbruch führen kann, ist somit umschifft – und dies völlig kostenlos… Schlecht fürs obgenannte Business? Mag sein. Aber ganz sicher gut für heutige und künftige Lehrlinge und ihre Ausbildner.

www.anforderungsprofile.ch