Publiziert am: Freitag, 24. Januar 2014

«Ohne Praktiker undenkbar»

STEFAN C. WOLTER – Der international renommierte Bildungsexperte unterstreicht den Stellenwert der Berufsbildung für den Schweizer Arbeitsmarkt.

Schweizerische Gewerbezeitung: In verschiedenen europäischen Ländern hat die Berufsbildung einen tiefen Stellenwert; sie gilt als Sammelbecken für jene, die sonst keinen Platz im Leben finden. Woher stammen solch wirre Ansichten und was sind die Folgen davon?

  Stefan C. Wolter: In der Regel sind es keine wirren Ansichten, weil viele ausländische Systeme so aufgebaut sind, dass nur die kleine Minderheit, die es nicht ans Gymnasium schafft, in die Berufsbildung «muss». Dies führt zu einer Stigmatisierung der Berufsbildung, die auch dazu führt, dass selbst jene Betriebe keine Lehrstellen anbieten, die eigentlich möchten, weil sie davon ausgehen müssen, nur sogenannte «Problemjugendliche» zu bekommen.

Zudem geistert – und dies keineswegs nur im Ausland, sondern auch hierzulande – der Glaube umher, dass sich junge Menschen bei ihrer Berufswahl zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung entscheiden müssten. Was sagen Sie dazu?

  Auch wer eine allgemeinbildende Bildungsoption wählt, muss früher oder später einen Beruf erlernen. Die Frage ist also nur, wann der Entscheid fällt. Für eine funktionierende Berufsbildung mit einer frühen Entscheidung für einen Beruf ist deshalb wichtig, dass das System durchlässig ist, d.h. einerseits im Sinne der Möglichkeit eines späteren Studiums an einer Fachhochschule, Universität oder einem Abschluss der höheren Berufsbildung. Andererseits aber auch, dass der frühe Berufswahlentscheid eine spätere berufliche Um­orientierung nicht erschwert oder verhindert. Auch wenn man das Bildungssystem immer optimieren kann, hat die Schweiz in diesen Aspekten heute schon Vorbildcharakter, was auch immer wieder von ausländischen Besuchern lobend hervorgehoben wird.

«DIE VORSTELLUNG, DASS DIE SCHWEIZER BERUFSBILDUNG ‹NUR› HANDWERKER AUSBILDET, IST ZIEMLICH ­ANTIQUIERT.»

Migranten in der Schweiz – auch solche der zweiten Generation – tendieren häufig dazu, ihre Kinder in eine akademische Laufbahn zu drängen. Wie erklären Sie eine derartige Geringschätzung für die Berufslehre?

  Migranten schreckt die Berufsbildung aus zweierlei Gründen ab. Erstens orientieren sich selbst Migranten, die schon eine lange Zeit in der Schweiz leben, häufig noch an den Bildungssystemen aus ihren Herkunftsländern. Den daheimgebliebenen Verwandten erklären zu müssen, dass der Sohn oder die Tochter es «nur» zu einer Lehre gebracht hat, ist für viele Migranten aus Ländern ohne funktionierende Berufsbildung mit einem sozialen Statusverlust verbunden. Zweitens denken viele Migranten daran, früher oder später wieder aus der Schweiz wegzuziehen, und misstrauen – teilweise berechtigterweise – der Übertragbarkeit der Schweizer Berufsbildungsabschlüsse in ausländische Bildungssysteme und Arbeitsmärkte. Was hingegen den Stellenwert der Berufsbildung auf dem Schweizer Arbeitsmarkt anbelangt, teilen im Durchschnitt auch Migranten die positive Einschätzung der Schweizer Bevölkerung, wie unsere Forschungen zeigen.

«BAUFÜHRER, DIE SELBST EINMAL EInE MAUER HOCHGEZOGEN HABEN, ERZIELEN MEHR INNOVATION ALS KADER, DIE FERNAB VON DER WIRTSCHAFTSREALITÄT AUSGEBILDET WURDEN.»

Berufsbildung wird oft mit Handwerk gleichgesetzt. Ein vermeintlich kluger Kopf behauptete kürzlich sogar, die Wirtschaft brauche keine Goldmedaillen für Maurer, sondern Ingenieure, die Roboter bauen, die mauern können. Wie können derartige Irrmeinungen aus der Welt geschafft werden?

  Dazu ist dreierlei zu sagen. Erstens ist es eine ziemlich antiquierte Vorstellung, dass die Schweizer Berufsbildung «nur» Handwerker ausbildet. Es genügt der Verweis darauf, dass beispielsweise die relativ junge Lehre «Fachangestellte/r Gesundheit» schon zu den Spitzenreitern der dua­len Berufsbildung gehört. Mit anderen Worten: Die Schweizer Berufsbildung deckt alle Berufe und Branchen der Wirtschaft ab.

Zweitens kann jedermann, der ein wenig in der Welt herumreist, immer noch ganz schnell und einfach feststellen, dass es vielleicht von Vorteil ist, wenn die Mauern von ausgebildeten Maurern erstellt wurden und nicht nur von unqualifizierten Arbeitskräften.

Drittens – und viel entscheidender – ist aber der Umstand, dass diese Ausbildungsform einen gewichtigen Wettbewerbsvorteil für die Schweizer Wirtschaft darstellt: Ingenieure, die selbst einmal in den Produktionshallen gestanden sind; Bauführer, die selbst einmal eine Mauer hochgezogen haben, erzielen eine andere Qualität und führen auch zu mehr Innovation als Kader, die ausschliesslich fernab von der Wirtschaftsrealität an Schulen ausgebildet wurden. Dass es hier langsam zu einem Sinneswandel im Ausland kommt, sehen wir vor allem im Gespräch mit Kollegen aus den USA, die mit allen Mitteln eine «Reindustrialisierung» der USA versuchen – was derzeit aber daran scheitert, dass sie keine Berufsbildung in unserem Sinne haben.

Berufsbildung verhindere den Strukturwandel, wird ebenso behauptet, ja gar sie produziere zu wenige «high skilled»-Fachkräfte wie etwa Informatiker. Ihre ­Meinung dazu?

  Diese irrige Annahme ist mit der vorangegangenen Frage verwandt. In der Schweiz kommen aber mehr Informatiker über den Berufsbildungsweg als über die Unis. D.h. wenn man zuerst alle Jugendlichen über die Gymnasien ausbilden würde, dann ist nicht davon auszugehen, wie die Erfahrung zeigt, dass diese dann an den Universitäten und ETH alle in jene MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) strömen würden, in denen uns die Fachkräfte fehlen.

«LEIDER IST DAS 
GYMNASIUM HÄUFIG DIE OPTION JENER SCHÜLER, DIE NOCH NICHT WISSEN, WAS SIE EINMAL TUN WOLLEN.»

Woran sollen sich Jugendliche orientieren, wenn sie die Wahl zwischen einer Berufslehre und einer gymnasialen Ausbildung treffen müssen?

  Natürlich sind Fähigkeiten und Neigungen ausschlaggebend. Schüler, die über die Fähigkeiten verfügen, sowohl ans Gymnasium zu gehen als auch eine Lehre zu machen, sollen sich vor allem dann für das Gymnasium entscheiden, wenn sie schon sicher sind, ein Universitätsstudium in einem Fach machen zu wollen, welches über die Berufsbildung nicht direkt angesteuert werden kann. Leider ist es aber so, dass das Gymnasium häufig die Option jener Schüler ist, die noch nicht wissen, was sie einmal machen wollen. Dabei wird wohl gerade von den Eltern und den Lehrpersonen unterschätzt, welche Risiken dieser Weg auch birgt; beispielsweise, dass nur gerade die Hälfte der erfolgreichen Maturanden auch einmal über einen Masterabschluss einer Universität verfügen werden. Deshalb wäre es entscheidend, dass sich auch jene Schülerinnen und Schüler, die den gymnasialen Weg einschlagen wollen, wie die anderen auch ab der 7. Klasse zwingend mit Berufswahl auseinandersetzen.

«BERUFLICHER ERFOLG ALS QUELLE ist VON SOZIALEM STATUS IN DEN LETZTEN JAHRZEHNTEN ZU SEHR IN DEN HINTERGRUND GERÜCKT.»

Und wie kann das nach wie vor bestehende Statusproblem «Berufslehre vs. Gymnasium» gelöst werden?

  Dies ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Auf der einen Seite ist es schön, wenn eine Gesellschaft Bildung hochschätzt und somit Personen mit einer guten Ausbildung auch einen hohen sozialen Status geniessen. Auf der anderen Seite ist der berufliche Erfolg als Quelle von sozialem Status in den letzten Jahrzehnten zu sehr in den Hintergrund gerückt, was falsch ist, denn beruflicher Erfolg bedeutet auch, dass der Gesellschaft wieder etwas zurückgegeben wird. Mit anderen Worten: Den sozialen Status nur an den Ausbildungsweg zu knüpfen, ist meines Erachtens aus gesellschaftlicher Sicht falsch. Richtig wäre es, jenen Personen Anerkennung entgegenzubringen, die durch ihre Arbeit der Gesellschaft einen grossen Dienst erweisen – welche Ausbildung auch immer sie dafür gemacht haben.

Interview: Gerhard Enggist

ZUR PERSON

Stefan Wolter (Jg. 1966) leitet u.a. die Forschungsstelle für Bildungs­ökonomie an der Universität Bern und ist Präsident der Expertengruppe Berufsbildung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.